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Berge im Schattenriss (29.12.20)

Epische Bergstrecken bilden den "Markenkern" vieler Granfondos, oft tragen sie den größten Teil zur Attraktivität einer Veranstaltung bei. Die interessantesten Strecken, die größten Anstrengungen, die heroischsten Geschichten und das meiste Leben sind in den Anstiegen zu finden. In diesem Beitrag dreht sich alles um die komprimierten Portraits der Anstiege, den "Schattenriss der Berge" – um Steigungsprofile.

 

Manche Veranstaltungen tragen ihre Hauptattraktion schon im Titel: Granfondo San Gottardo, Tour du Mont Blanc, Les 3 Ballons, Glocknerman, Granfondo Spluga Day, Granfondo Ventoux, Granfondo Gavia e Mortirolo, Granfondo Sestriere Colle delle Finestre, Granfondo Stelvio Santini – da ist den meisten schon ziemlich klar, was sie erwartet. Vor dem geistigen Auge erscheinen Bergmassive und gewundene steile Passstraßen, Erinnerungen an eigene Anstrengungen oder Fernsehbilder von Radrennen werden wach gerufen.

Auch andere Granfondos bieten besondere Anstiege, mit glorreicher Geschichte oder großartiger Landschaft und umwerfender Szenerie. Meist bewerben die Veranstaltungen ihre Attraktionen entsprechend, manchmal findet man sie aber auch erst beim zweiten Hinschauen. Manche Granfondos haben keine namhaften Berge im Programm, können aber dennoch extrem fordernd sein. Egal welche Konstellation man vorfindet: es ist immer sinnvoll, sich die Strecken vorher genauer anzuschauen. Das wichtigste Hilfsmittel dabei sind Steigungsprofile.

 

"Profiling" hilft auch im Radsport!

Insbesondere bei bergigen Strecken sind Anforderungen und Schwierigkeiten auf einen Blick in einer aussagekräftigen Grafik leicht erkennbar. Abhängig von ihrem persönlichen (Anforderungs-) Profil werden erfahrene Granfondisti schon am Streckenprofil erkennen, ob eine Veranstaltung für sie attraktiv ist oder nicht. Deshalb hat mgf aus Anlass dieses Beitrags bei allen "Granfondo-Alben", bei denen sie noch fehlten, Steigungsprofile für die Gesamtstrecken ergänzt.

Die Profile wurden alle im selben Maßstab erstellt, so dass die Strecken direkt vergleichbar sind. Damit kann man meist schon auf den ersten Blick erkennen, welche relative Schwierigkeit einen erwartet und wo im Verlauf der Strecke die größten Herausforderungen liegen. Eine Ausnahme bilden wellige Profile, bei denen im groben Maßstab von mgf die Höhenmeter von kleinen Spitzen verschwinden können – diese Profile wären jedoch auch bei feinerer Auflösung schwerer einzuschätzen.

Bitte beachten: Die Profile bei mgf sollen nur grobe "Daumenabdrücke" der Granfondos liefern, die einen ersten, schnellen Eindruck von der Strecke vermitteln und durch den einheitlichen Maßstab einen Vergleich zwischen verschiedenen Granfondos ermöglichen. Über Details zur Strecke sollte man sich weiterhin auf der Website der Veranstaltung und anderen Quellen informieren. Denn die mgf-Profile werden auch nicht immer auf dem neuesten Stand sein...

 

Höhenmeter sind nicht alles...

Unten werden drei Granfondos mit ähnlicher Höhenmeterzahl gegenübergestellt. Der wellige Gran Fondo Strade Bianche ist dabei nach Überzeugung von mgf der anspruchsvollste, nicht nur wegen der 30 km Schotterstraßen, viel mehr weil sich fast 2.000 Höhenmeter auf unzählige, meist kurze, manchmal giftige Anstiege verteilen – im Höhenprofil ist das jedoch schwer zu erkennen (teilweise weil das Profil recht grob ist). Beim hügeligen Granfondo Tre Valli Varesine fällt die Einteilung der Kräfte leichter, weil die Strecke mehr längere Anstiege enthält. Und die kurze 1. Bergetappe der TOUR Transalp, mit nur zwei langen Steigungen, scheint auf den ersten Blick nicht besonders schwer, schließlich sehen die Daten der bei der Maratona dles Dolomites gefahrenen Sellarunde ganz ähnlich aus (55 km, 1.780 Hm, mgf-Härtegrad 3,2) – aber hier lauert der TOUR-Teufel im Detail...

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Gran Fondo Strade Bianche: 139 km, 1.920 Hm, mgf-Härtegrad 5,4

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Granfondo Tre Valli Varesine: 130 km, 1.993 Hm, mgf-Härtegrad 5,2

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TOUR Transalp, 1. Etappe 2021: 58 km, 1.835 Hm, mgf-Härtegrad 3,3

Im letzten Profil ist bei der groben Auflösung nur zu erkennen, dass der zweite Anstieg ein Stück flacher als der erste Berg ist. Nur zu erahnen ist im mgf-Maßstab, ebenso wie im Originalprofil, dass der mit durchschnittlich 7,1% eigentlich moderate Furkelsattel nach der Halbzeit eine steile Rampe (einen Kilometer mit 12,5%) enthält. Wer den Furkelsattel kennt und die Winkel mit dem ersten Anstieg vergleicht, ahnt noch mehr: Die Durchschnittssteigung auf den ersten fünf Berg-Kilometern nach Mühlbach beträgt 12,1 Prozent, auf zwei Kilometern sogar 13,4 Prozent – der größte Hammer der sieben Tage dauernden "Kletter-Orgie" kommt schon ganz am Anfang!

In der Streckenbeschreibung werden Details der Steigungen nicht erwähnt, nur eine "kleine, steile Bergstraße." Der Furkelsattel wird dagegen als "strammer Anstieg" bezeichnet, gefolgt von dem Hinweis, dass "sich die Profis beim Giro d’Italia über fiese Rampen zum Kronplatz-Gipfel hochgequält" haben und die Starter der Transalp "diese Strapazen nicht erleiden müssen". Die zweite Bemerkung sollte man besser durch "vergleichbare Strapazen bereits hinter sich haben" ersetzen. Zum Vergleich: Die letzten fünf Kilometer am Kronplatz haben im Schnitt nur 10 Prozent, nur der letzte Kilometer hat 14,4 Prozent – den meisten würde das wohl weniger weh tun als der Anstieg nach Mühlbach, der der steilste aller sieben Etappen ist.

Hier muss man wohl von Vorsatz ausgehen, wahrscheinlich wollen die Veranstalter das Feld bereits am ersten Berg explodieren sehen. Um nicht in solche von fiesen Streckenplanern gestellte Fallen zu tappen, sollte man sich unbekannte Steigungen in neutralen Quellen genauer anschauen (die Links oben führen zu den Detail-Seiten von cyclingcols.com). Bei welligen Profilen ist eine solche Recherche aber leider kaum möglich, weil die kleineren Anstiege selten dokumentiert sind...

 

Nicht unwichtig: Maßstab und Farbe

Der obige Vergleich zwischen Granfondos mit unterschiedlichem Charakter ist nur mit einem einheitlichen, zumindest ähnlichen Maßstab möglich – was bei den Profilen von verschiedenen Veranstaltern jedoch praktisch nie der Fall ist. Die Kilometer-Skala des einheitlichen mgf-Formats wurde durch die längste Strecke, den Granfondo Milano-Sanremo, vorgegeben. Beim Verhältnis Höhe zu Distanz wurde ein Faktor von 25:1 verwendet, was nach dem Gefühl von mgf eine harmonische Darstellung auch steilster Anstiege ermöglicht. Selbst der Monte Zoncolan wird damit nicht zur senkrechten Wand, ein fünf-Prozent-Anstieg bleibt als ernsthafter Berg erkennbar und weniger bergige Profile haben auch noch genug "Leben". Der Faktor von 25:1 liegt zudem nahe am Maßstab der schnörkellosen, klassischen Höhenprofile von Cesare Sangalli für den Giro d'Italia.

Noch anschaulicher werden Steigungsprofile, wenn Farben für die Steilheit des Anstiegs verwendet werden, ähnlich wie dies auch fast alle Quellen für Steigungsprofile von Pässen tun. Auch wenn im Gesamt-Streckenprofil nicht jeder Anstieg im Detail darstellbar ist, sind mit Hilfe der Farben schwierige und unrythmische Steigungen leichter erkennbar. Beim Granfondo Scott Piacenza etwa zeigt das farbige Höhenprofil, dass die fiesen Rampen erst im dritten Anstieg, in der zweiten Streckenhälfte, kommen. Beim Granfondo Squali Trek verrät das Höhenprofil, dass nach dem steilen zweiten Anstieg das Schlimmste schon überstanden ist. Und bei der 1. Etappe der TOUR Transalp 2021 wäre mit Verwendung von Farben der tiefrote erste Berg sofort ins Auge gestochen...

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Im Veneto gibt es viele kleine und dennoch anspruchsvolle Pässe – wie den stillen Passo Praderadego. Das von mgf für ein Trainingslager erstellte, recht grobe Höhenprofil unterschlug die im zweiten Berg "versteckte" 16-Prozent-Rampe! (zum Aufwärmen empfiehlt sich, anders als dargestellt, die Anfahrt nach Tovena über San Lorenzo, mit ein paar zusätzlichen Höhenmetern)

 

 

"Profiling" für Fortgeschrittene

Neben der grundsätzlichen Einschätzung der Anforderungen und Schwierigkeiten eines Granfondos können Höhenprofile auch an anderer Stelle eine wertvolle Hilfe sein. Dazu müssen jedoch Profile der einzelnen Anstiege betrachtet werden, denn die Profile der Gesamtstrecken bieten praktisch nie die nötigen Detailinformationen.

 

Gezielter Ressourceneinsatz durch "Pacing"

Mit detaillierten Höhenprofilen ist ein exaktes "Pacing" zur Einteilung der Kräfte möglich. Wer kein Powermeter am Rad hat, muss sich so nicht nur auf Gefühl oder Puls verlassen, die im Verlauf einer Veranstaltung oft keinen echten Anhaltswert für die Belastung liefern.

Wer weiß, wann die steilsten Rampen kommen und wie lange diese dauern, kann sich eine Strategie zurechtlegen, mit der ein Anstieg mit maximalem Ergebnis (oder möglichst schonend, je nach Ehrgeiz und verfügbaren Ressourcen) zu bewältigen ist. Beim Gran Fondo Il Lombardia 2017 zum Beispiel hat der Autor dieses Beitrags die Anfahrt zur extrem steilen Muro di Sormano gezielt locker absolviert und sich dabei von vielen Teilnehmern überholen lassen, um nach dem ersten Stück (5,1 km mit 325 Hm) maximal ausgeruht in die folgende steile Rampe (1,9 km mit 304 Hm, max. 25% Steigung) fahren zu können. Ohne die geplante Erholung direkt vorher wäre an der Muro sicher eine Schiebepassage nötig gewesen.

Bei Granfondos mit Bergankunft oder gar bei reinen Bergrennen macht "Pacing" noch viel mehr Sinn, um bis zum Zielstrich gezielt "den Tank leerzufahren". Ein Beispiel, welche Überlegungen dabei eine Rolle spielen können, wurde im Granfondo-Album 2 vorgestellt. Dieses Beispiel zeigt auch, dass Profile auch auf dem Oberrohr nützlich sein können...

Die Beschäftigung mit Steigungsprofilen kann aber auch für Fahrer, die ein Powermeter am Rad haben, interessant sein – damit die Kräfte nicht konstant eingesetzt werden, sondern gezielt da, wo sie den größten Zeitgewinn versprechen. Im Magazin RennRad findet sich ein sehr interessanter Artikel dazu: Der Trainer Marcus Hertlein erklärte in Heft 10/2020, Seite 38, warum auf einer welligen Zeitfahrstrecke ein gezielter, variierender Leistungseinsatz (bergauf mit mehr Leistung, bergab mit weniger) eine bessere Gesamtzeit ermöglicht als das Fahren mit konstanter Leistung.

Wenn es wirklich auf die letzten Sekunden ankommt, sollte man sich genau überlegen, wie man seine Ressourcen am besten einsetzt, um vielleicht in seiner Altersklasse vorne mitfahren zu können. Bei einem welligen Granfondo mit Flachpassagen ist eine solche Strategie wichtiger als bei einem Berg-Radmarathon. Aber auch an einem langen, ungleichmäßigen Anstieg kann die richtige Strategie helfen, siehe oben genanntes Beispiel im Granfondo-Album 2.

 

Hilfe bei Wahl der richtigen Übersetzung

Ein detailliertes Steigungsprofil erleichtert auch die Entscheidung, welche Übersetzung für einen speziellen Granfondo die richtige ist. Beim Gran Fondo Il Lombardia 2017 hatte der Autor dieses Beitrags leider nur das "Pacing" im Auge, in der irrigen Annahme, mit einer 1:1 Übersetzung wären Steigungen um 20 Prozent schon irgendwie machbar. Wären die im Beitrag "Getriebe am Limit" beschriebenen Überlegungen schon vor dem Granfondo entstanden, wäre eine andere Kurbel montiert worden...

Einen breiter anwendbaren Ansatz zur Wahl der richtigen Übersetzung bietet der Beitrag "Super-Kompakt" – auch wenn hier nicht alle verfügbaren Übersetzungskombinationen dargestellt werden konnten (das wird erst in einem späteren Beitrag erfolgen). Für welche Steigungsdaten man seinen Antrieb auslegt, ist individuell verschieden. Neben der reinen Steigung spielt natürlich auch die Länge der Rampe eine Rolle. Je kürzer die steile Rampe ist und je flacher der Bereich davor, um so eher kann man eine größere Übersetzung wählen.

Ist die steile Rampe länger als ein Kilometer, empfiehlt mgf den im Beitrag "Super-Kompakt" gezeigten Weg zur Ermittlung des kleinsten Gangs, um auf der sicheren Seite zu sein. An guten Tagen und mit Werten oberhalb der Dauerleistung gehen solche kilometerlange Rampen zwar auch mit einem dickeren Gang – aber wenn nicht alles passt, muss man eventuell im weiteren Verlauf der Strecke für das Überschreiten des Limits bezahlen (was dem Autor beim Gran Fondo Il Lombardia auch passiert ist). Das gilt besonders am ersten Berg, hier sollte man ein "sauer fahren" unbedingt vermeiden, siehe Beispiel TOUR Transalp.

Spätestens wenn bekannt fordernde Anstiege wie Fedaia, Mortirolo, Muro di Sormano oder Zoncolan im Streckenplan stehen, sollte man sich die Steigungsprofile genauer anschauen und prüfen, welche kleinste Übersetzung zur eigenen Leistung passt. Nach Erfahrung von mgf tun das viele Granfondo-Teilnehmer jedoch nicht. Das eröffnet die Chance, im steilen Anstieg an eigentlich stärkeren Fahrern vorbeiziehen zu können – sofern man selbst einen besser passenden kleinsten Gang montiert hat...

 

Gute und weniger gute Profile

Voraussetzung für eine gewissenhafte Vorbereitung unter Nutzung der Steigungsprofile ist natürlich, dass überhaupt aussagekräftige Profile der befahrenen Anstiege vorliegen. Hierfür gibt es verschiedene Quellen:

Veranstalter: Im Idealfall liefern die Organisatoren des Granfondos bereits alle Steigungsdaten in ausreichender Qualität auf der Website der Veranstaltung. Manchmal spielen einem die Veranstalter jedoch nicht nur bei der Streckenwahl, sondern auch bei den Steigungsprofilen üble Streiche, siehe weiter unten. Deshalb empfiehlt sich immer auch die Konsultation von alternativen, neutralen Quellen.

Spezielle Steigungs-Seiten: Von den im www verfügbaren Profil-Seiten nutzt mgf vor allem die folgenden drei:

www.salite.ch Diese schon lange existierende Website bietet die meisten Pässeprofile, mittlerweile wurde die deutschsprachige Version offenbar stillgelegt. Bei abweichender oder unsicherer Schreibweise des Pässenamens hilft bei der Suche oft der Basisort weiter.

www.quaeldich.de Die auf unterschiedliche Weise erstellten Pässeprofile sind manchmal wenig aussagekräftig, dafür finden sich detaillierte Beschreibungen von möglichen Varianten und Rund-Touren.

www.cyclingcols.com Die aus Sicht von mgf mit Abstand besten Profile liefert Michiel van Lonkhuyzen. In akribischer Kleinarbeit hat er fast alle namhaften Alpenpässe in normierten und äußerst detaillierten Profilen erfasst – genauer und übersichtlicher geht es kaum! Ein kleiner Kritikpunkt: Bei der vor einiger Zeit erfolgten Umstellung auf das 500-Meter-Raster wurden die alten Profile mit 1000-Meter-Raster entfernt. Das erschwert manchmal einen Vergleich, weil es manche Pässe noch nicht im neuen Raster gibt. Zum Glück vergisst das www nichts! ;-)

Websites von Profi-Rennen: Wer die Streckenführung der großen Landesrundfahrten verfolgt, findet dort eine Fülle von Steigungen, die auch von Granfondos befahren werden. Diese Profile erfüllen in der Regel hohe Ansprüche an die Genauigkeit (schließlich sind sie von Profis für Profis gemacht). Vom Giro d'Italia gab/gibt es sogar Profile für weite Teile der Strecken einiger großer Granfondos:

Maratona dles Dolomites: weitgehend identisch mit der 14. Etappe des Giro d'Italia 2016 (ab Arabba, Kilometer 13,7 des Granfondos).

Sportful Dolomiti Race: weitgehend identisch mit der 20. Etappe des Giro d'Italia 2019 (bis auf kleine Unterschiede im Mittelteil zwischen Molina di Fiemme und Predazzo, erst ab Kilometer 196 des Granfondos wirklich abweichend, mit Bergankunft am Monte Avena). Im Bild wurden die beiden Streckenprofile übereinander gelegt:

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Nove Colli: identisch mit der 12. Etappe des Giro d'Italia 2020.

La Fausto Coppi: Aktuellen Gerüchten zufolge soll 2021 eine Giro-Etappe der Granfondostrecke mit Start und Ziel in Cuneo folgen – dann wird es endlich ein detailliertes Gesamtprofil für diese Veranstaltung geben.

Trotz der hohen Genauigkeit der Rundfahrt-Profile bevorzugt mgf die Pässeprofile von cyclingcols.com – weil diese (fast) alle im selben Format und Design vorliegen. Bei den Rundfahrten ändert sich die Gestaltung alle paar Jahre, manchmal sogar der Maßstab innerhalb derselben Rundfahrt, darunter leidet die Vergleichbarkeit und Nutzbarkeit (z.B. für Websites wie mondogranfondo.de).

 

Vorsicht Falle!

Bei manchen Steigungsprofilen, die von Veranstaltern veröffentlicht werden, ist Vorsicht geboten. Denn gelegentlich weichen die Profile erheblich von der Realität ab. Ein krasses Beispiel dafür ist der Granfondo Stelvio Santini, bei dem falsche Streckenprofile bereits lange Tradition haben. Jeder, der diesen Anstieg schon mal gefahren ist, weiß, dass der Passo dello Stelvio (wie fast alle alten Pässe aus der Postkutschenzeit) einen relativ gleichmäßigen Steigungsverlauf hat, auf der Westseite zwar nicht ganz so gleichmäßig wie auf der Ostseite, aber merklich flachere Abschnitte gibt es auch hier kaum.

Mit diesem Vorwissen sieht man auf den ersten Blick, dass am Gesamt-Streckenprofil dieses Granfondos etwas nicht stimmen kann. Bei allen Streckenvarianten haben die Kurven für das Stilfserjoch ausgeprägte Wellen – und dies auch noch an ganz unterschiedlichen Stellen. Im Bild unten wurden die Streckenprofile von 2020 grün dargestellt und (im Gegensatz zur Website des Granfondos) ein einheitlicher Maßstab verwendet. Die Abweichungen sind zwar nicht mehr so heftig wie beim Streckenprofil von 2018 (blau), aber mit dem tatsächlichen Verlauf der Steigung haben die Kurven nur wenig gemein. Das im Hintergrund dargestellte Profil von cyclingcols.com ist viel gleichmäßiger und realitätsnaher, und (bis auf Nuancen) identisch mit den vom Giro d'Italia veröffentlichten Stelvio-Profilen.

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Derart große Abweichungen sind mit Wetterumschwüngen (und den damit verbundenen Luftdruckschwankungen) nicht erklärbar. Ein Veranstalter, der am Fuß des Stelvio daheim ist, sollte wissen, wie sein Hausberg aussieht, und solche groben Fehler erkennen. Wenn man keine akurate Höhenmessung gewährleisten kann, dann sollte man, wie früher üblich, lieber ein einfaches Steigungsprofil aus bekannten Punkten erstellen.

Unter anderem Nove Colli, Maratona dles Dolomites und Granfondo La Fausto Coppi machen das heute noch so. Bei deren relativ groben Streckenprofilen, die keine Feinheiten der einzelnen Anstiege enthalten, ist auf den ersten Blick zu erkennen, dass sie nur eine Näherung darstellen. Fehlinterpretationen werden dadurch vermieden, wer sich für Details der Steigungen interessiert, wird sich in verlässlichen Quellen informieren. Auf den Websites der genannten Granfondos sind detaillierte Profile zu finden, der Granfondo Stelvio Santini bietet solche Detail-Informationen dagegen nicht.

 

Irrweg 3D-Profile

Es gibt noch einen weiteren Anlass zur Kritik: Wie einige Profirennen – zum Beispiel zeitweise der Giro d'Italia und heute noch die Tour de France bei Einzel-Steigungen – erstellen auch manche Granfondos Profile mit dreidimensionaler Darstellung. Aktuell tun dies z.B. Maratona dles Dolomites, Granfondo La Fausto Coppi und Marmotte Granfondo Alpes.

Diese Profile sind zwar nett anzuschauen, haben jedoch praktische Nachteile: Wer einen Punkt ohne Kilo- und Höhenmeterangaben ausmessen will, muss "perspektivisch" messen. Und durch die 3D-Darstellung wird die Strecke verzerrt, abhängig von der gewählten Perspektive werden Steigungen flacher dargestellt, Abfahrten dagegen steiler. Ein Vergleich zwischen Steigungen und Abfahrten über die Winkel ist dadurch nicht mehr möglich.

Dasselbe gilt beim Vergleich von Streckenprofilen verschiedener Veranstaltungen: Der ist nur möglich, wenn die Profile in Perspektive und Höhen-Faktor nahezu gleich sind (was praktisch nie der Fall ist). Und wer das Profil für eigene Zwecke bearbeiten möchte (z.B. um es in einen einheitlichen Maßstab zu bringen, wie bei den Granfondo-Profilen auf dieser Website), muss erst die Verzerrung rückgängig machen – aber das kann nicht jede Software (mgf hat diese Möglichkeit nur auf einem 20 Jahre alten Rechner).

Ein für mgf noch akzeptabler Kompromiss aus Genauigkeit und 3D-Effekt sind Profile, die den Steigungsverlauf in einer unverzerrten Ebene – im Technischen Zeichnen "Kavalierperspektive" genannt – darstellen und damit auf eine realitätsnahe Dreidimensionalität verzichten. Diese Form verwendet aktuell bei den Profirennen u.a. die RCS-Veranstaltungen incl. Giro d'Italia, bei den Granfondos u.a. Gran Fondo Sestriere Colle delle Finestre und Gran Fondo Firenze De Rosa.

In Österreich wurden vereinzelt Experimente mit exotischen 3D-Darstellungen der Steigungsprofile gemacht, die Plani- und Altimetrie kombinieren, z.B. beim Kaunertaler Gletscherkaiser und (in extremer Form) beim Glocknerman. Auch beim Ötztaler Radmarathon gab es mal ein 3D-Profil, das versuchte, den Trassenverlauf der Pässe und sogar die benachbarten Gipfel darzustellen. Diese Exoten haben aus Sicht von mgf kaum Vorteile, dafür den Nachteil einer schlechten Lesbarkeit.

In Italien sind zum Glück die meisten Granfondos dem klassischen Stil von Cesare Sangalli treu gebleiben, oft bis hin zur schwarz-weißen Kilometerleiste und der Schraffur der Flächen. Besonders schöne Beispiele hierfür sind der Granfondo Felice Gimondi - Bianchi, der Granfondo Pinarello oder das Sportful Dolomiti Race. Für mgf haben diese klaren, einfachen, zeitlosen Streckenprofile (vor allem, wenn sie genau gezeichnet sind) immer noch den größten Charme!

 

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In Memoriam Cesare Sangalli

Beim Thema dieses Beitrags darf ein Mann nicht unerwähnt bleiben, der so etwas wie der "Papst der Streckenprofile" war. Erst vor Kurzem, wenige Tage vor Weihnachten 2020, verstarb Cesare Sangalli im gesegneten Alter von 97 Jahren. Sangalli war 51 Jahre lang unter anderem für die Kartografie und Altimetrie des Giro d'Italia verantwortlich. Sein erster Giro war der von 1953, als die Rundfahrt zum ersten Mal über den Passo dello Stelvio führte und Fausto Coppi mit einer legendären Attacke Giro-Geschichte schrieb. Bis ins Jahr 2000 trugen Höhenprofile und Streckenpläne des Giro d'Italia und vieler weiterer italienischer Rennen das Kürzel "C.San" – was für viele Profis als Qualitätssiegel galt.

Sangallis Profile zeichneten sich durch einen schnörkellosen, klassischen Stil aus, der dennoch wichtige Details der Steigungen erkennen lässt. Die Profis erhielten neben dem Streckenbuch "Garibaldi" auch Profile im handlichen Trikottaschenformat, wie es sie manchmal auch bei Granfondos gibt. Die klassischen, von Hand mit Tinte und Feder gezeichneten Übersichtskarten und Profile von "C.San" bildeten jahrzehntelang die ideale, von vielen Profis gelobte Referenz. Leider entfernten sich viele digital erstellte Profile in jüngster Zeit durch übermäßige Nutzung von Grafik-Effekten von Sangallis schnörkellosem Ideal.

Ab 2001 trugen die Profile das Signet des Verlags "ediciclo editore", sie wurden digital erstellt, bis 2003 war Cesare Sangalli jedoch noch involviert. Nachfolger von "C.San" wurde Stefano Di Santo, der seine Profile und Karten ab 2004 zusätzlich zu "ediciclo editore" (und ab 2007 ausschließlich) mit "SDS" kennzeichnete. Während er sich anfangs noch an Sangallis klassischem Stil orientierte, verwendete er ab 2007 beim Giro 3D-Darstellungen. Die Profile waren schön anzuschauen (was in der heutigen Zeit am wichtigsten zu sein scheint) und enthielten zusätzlich detaillierte Steigungswerte, die Lesbarkeit hatte jedoch leider gelitten. Das sah offenbar auch "SDS" so: Seit 2017 stellt er die Steigungsprofile wieder in "Kavalierperspektive" dar, die wichtigste Ebene bleibt dabei unverzerrt. Auf www.bikeraceinfo.com lässt sich die Entwicklung der Höhenprofile über die Jahre gut nachvollziehen.

Die lange Karriere des Giro-Kartografen wurde sogar in Buchform verewigt: Pino Lazzaro hat Sangallis Erinnerungen, kurz nachdem dieser in den Ruhestand ging, in einem 144-seitigen Taschenbuch mit dem Titel "Auf der Spitze der (Schreib-) Feder" aufgezeichnet. Darin geht es in erster Linie um Ereignisse und Anekdoten aus 50 Jahren Giro-Geschichte, aus der selten beschriebenen Sicht eines Mitglieds der Organisation. Im Anhang finden sich, neben vielen Bildern (von denen manche hinter die Kulissen des Rennens blicken) auch einige historische Karten und Höhenprofile. Deren Klarheit wirkt heute immer noch faszinierend: manchmal ist weniger mehr! Der Titel zeigt das Profil der berühmten Stelvio-Etappe von 1953:

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Pino Lazzaro: In punta di pennino - Cesare Sangalli 50 anni di ciclismo disegnato e raccontato, Ediciclo Editore 2005

Über ein interessantes Detail stolperte mgf erst im Zuge der Recherchen zu diesem Beitrag: Bei den Granfondos der Serie "Challenge Gazzetta", die von 2006 bis 2008 jeweils Medio Fondo Milano-Sanremo, Gran Fondo Giro d'Italia und Gran Fondo Giro di Lombardia umfasste, wurden anfangs noch handgezeichnete, mit "C.San" signierte Profile der alten Schule veröffentlicht. Erst ab dem Medio Fondo Giro di Lombardia 2007 kamen die Profile von "SDS". Offenbar war Altmeister Sangalli noch bis zum Mai 2007 aktiv, wenn auch nur noch als Hobby im Ruhestand, für Hobbyfahrer. Die Arbeit des Kartografie-Künstlers, deren Beginn mit Coppis Sternstunde am Stelvio verbunden ist, scheint 54 Jahre später still und leise in den Dolomiten beendet worden zu sein – eine große Ehre für einen Granfondo!

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Profil des Gran Fondo Giro d'Italia 2007, © Cesare Sangalli († 2020)

 

 

 

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