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Granfondo-Album 3: Cima Coppi (28.05.20)

Wäre dieses Jahr normal verlaufen, hätte die 18. Etappe des Giro d'Italia heute über die "Cima Coppi" geführt. Diese Bergwertung wird seit 1965 am jeweils höchsten Punkt der Rundfahrt abgenommen. Wie bei der Premiere wäre dies heute der Passo dello Stelvio (2.758 m) gewesen, als Teil des "Tappone", der Königsetappe, die inklusive "Vorgeplänkel" am Campo Carlo Magno und Hofmahdjoch, sowie dem Finale zu den Laghi di Cancano auf 5.400 Höhenmeter kommt.

Nach dem Stelvio wäre der Giro d'Italia am Samstag ein weiteres Mal fast genauso hoch geklettert. Laut Veranstalter RCS ist die "kolossale" Alpen-Etappe mit Colle dell'Agnello, Col d'Izoard, Col de Montgenèvre und Sestriere eine "moderne Reinterpretation der legendären Etappe Cuneo-Pinerolo", auf der 1949 Fausto Coppi brillierte. Der Colle dell' Agnello (2.744 m) war bei drei von vier Giro-Passagen über den Pass die Cima Coppi – nur 1994 musste er, wie heuer, hinter dem Stelvio zurückstehen.

Weil der Giro in den Oktober verschoben wurde und derzeit noch nicht sicher ist, ob es Veränderungen an diesen Etappen geben wird, ist heute der richtige Zeitpunkt, um die Cima-Coppi-Geschichte des Giro d'Italia in einem Granfondo-Album* Revue passieren zu lassen.

Dieses dritte Granfondo-Album* vereint Veranstaltungen, deren Strecke einen Pass beinhaltet, der irgendwann einmal die Cima Coppi war. Hohe Pässe und die Streckenplaner einer "Grand Tour" sind fast schon eine Garantie für besonders reizvolle Strecken und Landschaften. Deshalb verwundert es nicht, dass in diesem Album die "Creme della Creme" der italienischen Alpen-Granfondos vertreten ist.

 

Tatsächlich decken die hier vorgestellten Granfondos 14 der bisherigen 16 Anstiege ab, die schon einmal die "Cima Coppi" waren. Manche der in diesem Granfondo-Album enthaltenen Veranstaltungen wurden bereits in früheren Alben präsentiert, diese Granfondos werden hier nicht nochmals im Detail dargestellt. Die jeweilige Cima Coppi jedoch wird angemessen gewürdigt. Die Zahl der Berge und Veranstaltungen ergab diesmal etwas mehr Material, deshalb wurde dieses Granfondo-Album aufgeteilt. Teil 2 wird später nachgereicht.

Die Reihung der Granfondos erfolgte nach Höhe und Frequentierung der Cima-Coppi-Anstiege: Der Einfachheit halber wurden dabei lediglich die Meereshöhe addiert, dadurch bringt der 13-mal befahrene Passo Pordoi (2.239 m) gigantische 29.107 Punkte, der Passo dello Stelvio (9x 2.758 m) 24.822 Punkte und der Passo di Gavia (6x 2,621 m) 15.726 Punkte. Die Fleißarbeit, die jeweils tatsächlich durch den Giro gefahrenen Höhenmeter zu berechnen, hat sich mgf erspart...

Diese Seite orientiert sich an der Cima-Coppi-Liste von wikipedia.it, obwohl der Eintrag des Passo Valparola 1977 zweifelhaft ist – aber andere Listen aus Büchern oder dem www sind noch weniger korrekt, siehe Hinweise in Teil 2 dieses Granfondo-Albums.

Wie schon beim Granfondo-Album 2 erhält die oft große (Radsport-) Geschichte der Pässe auch hier wieder viel Raum – dieses Album ist eine direkte Folge der intensiven Beschäftigung von mgf mit Giro-Filmen und Giro-Büchern zur Bekämpfung von Entzugserscheinungen. Wer noch mehr Details zur Giro-Historie der Cima Coppi erfahren möchte, wird bei cycling-passion.com fündig.

Eine kurze Übersicht zur allgemeinen Geschichte der Cima Coppi, die auch zwei Ranglisten und weiterführende Links enthält, gibt es in Teil 2 dieses Granfondo-Albums. [Nachtrag 11.06.20]

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Diese Stele zur Erinnerung an Fausto Coppi steht auf der Passhöhe des Stilfserjochs, der Ur-Cima-Coppi. Der Stelvio war sowohl die Bühne für eine der Glanztaten des Campionissimo (1953), als auch der erste Pass, an dem eine Cima-Coppi-Wertung ausgeschrieben wurde (1965). An diesem Ort ist der "Hauch der Geschichte" noch stärker zu spüren als an den anderen Cima-Coppi-Anstiegen.
[Foto:
Andreas Stiasny, CC-Lizenz 3.0]

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* Im Format der Granfondo-Alben werden, als "Serie für Granfondo-Sammler", ausgewählte und interessante Veranstaltungen unter einem Titelthema gesammelt und beleuchtet – siehe Vorwort zum Granfondo-Album 1.

 

 

Maratona delle Cime Coppi

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...so könnte man einen der ältesten Granfondos Italiens auch nennen, denn die Maratona dles Dolomites enthält mehr Cima-Coppi-Anstiege als jeder andere Granfondo. Bei der Premiere 1987 waren es zwei, ab 1990 drei, seit 2000 vier.

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Die 1. Cima Coppi: Passo Pordoi

2.239 m Meereshöhe, 28,3 km Anstieg, 1.225 Hm (ø 4,3%, max. 10,5%), Cyclingcols-Profil-Index 804, 13x Cima Coppi 1966-2002

Der Passo Pordoi wurde 1905 als einer der ersten Dolomitenpässe für den Touristenverkehr ausgebaut, noch vor dem Passo Falzárego, mit dem er zur "Großen Dolomitenstraße" gehört, die von Bozen über Karerpass, Passo Pordoi und Passo Falzárego nach Cortina d’Ampezzo führt. Kurz darauf verlief hier im 1. Weltkrieg die Dolomitenfront, an die ein markantes Ossarium östlich der Passhöhe erinnert, in dem über 9.000 gefallene Soldaten bestattet sind.

Der Pordoi ist der mit Abstand am häufigsten befahrene Pass der Giro-Geschichte, mit einer beindruckenden Statistik: Von 1940 bis 2017 wurde er 40-mal überquert, davon 30-mal seit Einführung der Cima-Coppi-Wertung, 13-mal war der Pass der höchste Punkt des Giro. Fünf Etappen führten sogar zweimal über den Pordoi, viermal davon war das Ziel auf der Passhöhe. Bei zwei Doubletten war der Pordoi gleichzeitig Cima Coppi: 1990 und 1991 sind auch die einzigen Jahre, in denen jeweils zwei Cima-Coppi-Preise vergeben wurden. Angesichts der Schwierigkeit und der häufigen Frequentierung wundert es nicht, dass sich am Pordoi oft entscheidene Szenen im Kampf um Etappen- und Gesamtsiege abspielten.

Den ersten Bergpreis am Pordoi gewann 1940 Gino Bartali, der seinem jungen Teamkollegen Fausto Coppi durch eine Zweier-Flucht seinen ersten Giro-Gesamtsieg sichern konnte. 1949 setzte Coppi am Pordoi die entscheidende Attacke, bevor er über Campolongo und Grödnerjoch zum Etappensieg in Bozen fuhr, der einen Grundstein für den späteren Gesamtsieg bildete. Mit vier weiteren Bergpreisen 1947, 1948, 1952 und 1954 ist Fausto Coppi der mit Abstand erfolgreichste Radsportler an diesem Pass. Nur Franco Vona (1991 und 1993) und Julio Alberto Pérez Cuapio (2001 und 2002) konnten zwei Bergpreise gewinnen. Der Pordoi war also schon immer eine "Cima Coppi", auch wenn das Coppi-Denkmal auf der Passhöhe erst im Jahr 2000 errichtet wurde.

2002 war der Pordoi das letzte Mal die Cima Coppi. Der Mexikaner Pérez Cuapio, Gewinner des Bergtrikots, erreichte als letzter Überlebender einer Ausreißergruppe den Passo Pordoi und auch das Ziel in Corvara. Hier musste Jens Heppner das rosa Trikot, das er zehn Tage getragen hatte (so lange wie kein anderer deutscher Fahrer), an Cadel Evans abgeben, der es jedoch am nächsten, rabenschwarzen Tag schon wieder los war. Paolo Savoldelli gewann seinen ersten Giro.

In der Statistik liegt die Variante von Canazei mit 21 Giro-Auffahrten vorne, beim Schwierigkeitsgrad ist es die Ostseite – allerdings nur, wenn man die lange Anfahrt vor Arabba mitrechnet (ab dem Piave bis zu 1.900 Hm). Die Maratona fährt nur den oberen Abschnitt ab Arabba, 9,3 km vor der Passhöhe. 2016 befuhr der Giro das hier dargestellte Profil.

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[Quelle: ©www.cyclingcols.com]

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Die 2. Cima Coppi: Passo Sella

2.214 m Meereshöhe, 11,0 km Anstieg, 797 Hm (ø 7,2%, max. 11,0%), Cyclingcols-Profil-Index 588, 3x Cima Coppi 1969-1989

Es lässt sich streiten, welcher Pass der Sellarunde der schönste ist. In Höhe und Schwierigkeitsgrad liegt das Sellajoch etwas hinter dem Passo Pordoi zurück, aber beim landschaftlichen Reiz macht die Aussicht von der zwischen Sellagruppe und Langkofelmassiv liegenden Passhöhe vieles wett. Beim Giro d'Italia steht der Passo Sella dagegen in der zweiten Reihe:

Obwohl von jeder Seite zwei verschiedene Anfahrtswege und damit viele Strecken-Varianten möglich sind, besuchte der Giro das Sellajoch nur 17-mal, einmal weniger als das benachbarte Grödnerjoch. Auch wenn die Bergpreis-Statistik des Passo Sella kürzer ist als die des Pordoi, sieht sie ähnlich aus: Die erste Wertung holte Bartali (1940, siehe links) und ganz oben in der Liste steht erneut Coppi, der das Sellajoch zweimal (1952/53) als Erster überquerte, das schaffte sonst keiner.

1976 endete die Ära Merckx/Gimondi. Auf der nur 132 km kurzen 19. Etappe über sechs Anstiege fuhr ein einsamer Ausreißer vorneweg: Andrés Gandarias war Erster auf der Cima Coppi und im Ziel am Rifugio Gardeccia. Dahinter verlor Felice Gimondi sein rosa Trikot im damals nicht asphaltierten, teils extrem steilen Schlussanstieg an den Kletterer Johan De Muynck, holte es sich aber später wieder zurück. Noch nicht in seiner Heimatstadt Bergamo, wo er seine letzte Giro-Etappe gewann, sondern erst im Zeitfahren am letzten Tag, Gimondi feierte den letzten von drei Giro-Siegen. De Muynck war auf einer Abfahrt der Bergamo-Etappe gestürzt und wurde vom König der Abfahrer, Eddy Merckx höchstselbst, zur Favoritengruppe zurückgebracht. Merckx beendete seinen letzten Giro als Achter, De Muynck litt beim Zeitfahren unter den Sturzfolgen, zwei Jahre später holte er doch noch den Giro-Sieg.

Der letzte Cima-Coppi-Preis am Sella 1998 war der Auftakt für ein monatelanges nationales Radsportfest: Auf der 17. Etappe attackierte Marco Pantani am Passo Fedaia, er neutralisierte mit Giuseppe Guerini im Schlepp alle Ausreißer. Pantani holte die Cima Coppi, Guerini den Etappensieg. Im Zielort Wolkenstein übernahm "il Pirata" das rosa Trikot vom Schweizer Alex Zülle. Ein Etappensieg in Montecampione und ein dritter Platz im Zeitfahren (!) nach Lugano zementierten den ersten (und einzigen) Giro-Sieg des fragilen Kletterers. Nur wenig später folgte der Sieg bei der Tour de France. Erstmals seit Coppi hatte wieder ein Italiener das "Double" geschafft. Das ließ die halbe Nation abheben – inklusive Pantani...

1998 wurde am Passo Sella das untenstehende Profil gefahren. Die Maratona nutzt, vom Pordoi kommend, nur den oberen Abschnitt, ab 5,5 km vor der Passhöhe. An diesem Abzweig steht ein kleiner, aber sehr alter Fausto-Coppi-Gedenkstein, der bereits kurz nach dessen Tod 1960 aufgestellt wurde.

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[Quelle: ©www.cyclingcols.com]

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Die 3. Cima Coppi: Passo di Giau

2.236 m Meereshöhe, 15,6 km Anstieg, 1261 Hm (ø 7,9%, max. 13,0%), Cyclingcols-Profil-Index 1081, 2x Cima Coppi 1973 u. 2011

Die Lage der Passhöhe gehört definitiv zum Besten, was in den Alpen zu finden ist! Von den steilen Zacken beeindruckt der nahe Nuvolau am meisten. Um diese Aussicht genießen zu können, muss man jedoch fit sein. Von beiden Seiten ist der Passo Giau anspruchsvoll, die Südseite ist ein harter Brocken, vor allem wenn man in Caprile startet oder im steilen, mittleren Abschnitt die Hitze steht.

Vom Giro wurde der Passo Giau zwischen 1973 und 2016 achtmal befahren, die Cima Coppi markierte der Pass 1973 und 2011. Bei der Premiere wurde das hier gezeigte Profil ab km 9,7 vor der Passhöhe befahren, Erster auf der Cima Coppi und im Etappenziel Auronzo di Cadore war José Manuel Fuente. Im Vorjahr hatte sich der spanische Kletterkönig noch ein spannendes Duell mit Eddy Merckx geliefert, 1973 erwies sich der "Kanibale" mit sechs Etappensiegen als unschlagbar – er holte einen überlegenen vierten Giro-Gesamtsieg und trug dabei die "maglia rosa" vom ersten bis zum letzten Tag. Das gelang außer ihm nur Costante Girardengo (1919), Alfredo Binda (1929) und Gianni Bugno (1990).

2011 war der Giau Cima Coppi und drittletzter Berg des "Tappone", der Königs-Etappe. Den Bergpreis gewann Stefano Garzelli, der seit dem ersten Anstieg nach Piancavallo (mehrfache Giro-Bergankunft) in einer Ausreißergruppe fuhr und diese in der Nordrampe des Giau zusammen mit Mikel Nieve verließ. Beide blieben am Passo Fedaia und auch bis zum Schluss vorne, Nieve gewann die Bergankunft am Rifugio Gardeccia. Garzelli holte Platz zwei und das Bergtrikot, das er nicht mehr abgab. Nur 10 Sekunden danach kam Alberto Contador ins Ziel, der das rosa Trikot seit seinem Etappensieg am Ätna bis Mailand trug, der Sieg wurde ihm jedoch ein 3/4 Jahr später aberkannt, als Folge eines Dopingtests bei der Tour de France 2010.

2008 war der Giau zwar nicht Cima Coppi, aber zum bislang einzigen Mal wurde die unten abgebildete Variante mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad gefahren. Den epischen "Tappone" mit Bergankunft an der Marmolada gewann Emanuele Sella, am Tag zuvor nutzte der "Gran Fondo Giro d’Italia Tappa della Legenda" (R.I.P.) exakt dieselbe Strecke, einschließlich des finalen "Massakers" am Fedaia.

Die Maratona fährt die vom Giro meist (zuletzt 2016) genutzte Variante mit Seiteneinstieg von Colle Santa Lucia, ab 9,7 km vor der Passhöhe – auch die ist hart genug. Die steile Abfahrt bis Pocol hat 31 teils enge Kehren, um die konzentriert und sicher genießen zu können, muss man in der Auffahrt noch ein paar Körner übrig lassen. Außerdem kommt danach ja noch eine weitere Cima Coppi...

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[Quelle: ©www.cyclingcols.com]

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Die 4. Cima Coppi: Passo Valparola

2.200 m Meereshöhe, 17,1 km Anstieg, 993 Hm (ø 5,8%, max. 10,0%), Cyclingcols-Profil-Index 630, 1x Cima Coppi 1977

Möglicherweise erscheint der Passo Valparola zu Unrecht in der Cima-Coppi-Liste von wikipedia.it, denn 1977 wurde auf der 17. Etappe der 39 Meter höhere Passo Pordoi gefahren. Die 18. Etappe 1977 verlief von Cortina d'Ampezzo über Valparola-Pass, Grödnerjoch, Sellajoch, Karer- und Mendelpass zur Bergankunft am Campo Carlo Magno. Als erster Berg spielte die Cima Coppi keine Rolle, vom Gewinner des Preises, Faustino Fernández Ovies, haben wohl die meisten noch nie gehört. Bei der Maratona spielt der Passo Valparola als letzter Anstieg eine wichtigere Rolle: hier zeigt sich, wer seine Kräfte richtig eingeteilt hat. Das Profil entspricht dem hier gezeigten vom Giro 1977, allerdings erst ab Pocol, 11,7 km vor der Passhöhe. Mehr Details zu diesem Pass siehe Granfondo-Album 2.

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[Quelle: ©www.cyclingcols.com]

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Der Granfondo: Maratona dles Dolomites

Meist am ersten Sonntag im Juli (nächste Ausgabe am 04.07.2021), 138 km, 4.230 Hm, mgf-Härtegrad 7,7 [Mediofondo 106 km, 3.130 Hm; Kurzstrecke 55 km, 1.780 Hm],
Cima-Coppi-Punkte: 42.421

Die Beliebtheit der zentralen Dolomitenpässe bei den Streckenplanern des Giro sorgte dafür, dass dieser Granfondo die meisten Cima-Coppi-Punkte verbucht und in dieser Liste ganz oben rangiert. Aber auch in vielen anderen Ranglisten – inklusive der persönlichen von mgf – nimmt diese Veranstaltung Platz eins ein, zumindest unter den italienischen Granfondos. Die Website bicilive.it drückt es richtig aus: Sicher gibt es schwierigere Granfondos, vielleicht auch noch besser organisierte oder (eher unwahrscheinlich) landschaftlich schönere. Aber wenn es um die Summe der Kriterien Schwierigkeit, Organisation und Landschaft geht, gebührt der Maratona der Titel einer "Königin der Granfondos".

Ein Wermutstropfen sind die vielen Teilnehmer. Um der gigantischen Nachfrage – seit Jahren liegen die Voranmeldungen konstant über 30.000! – einigermaßen gerecht zu werden, reizt der Veranstaltung die Grenze des Möglichen aus: 9.000 Teilnehmer sorgen leider in manchen Jahren dafür, dass man (je nach Startposition) am ersten Pass kurz steht. Und auf dem Rest der Sella-Runde darf man sich auf den Abfahrten nie von der grandiosen Landschaft ablenken lassen, sondern sollte permanent mit Fehlern anderer rechnen. Ab der zweiten Durchfahrt durch Corvara wird die Verkehrsdichte entspannter, dafür die Strecke anstrengender: Der Passo Giau ist mit 87 km und über 2.400 Hm auf dem Tacho ein harter Brocken. Und kurz vor Schluss wartet mit der "Mür dl giat", der "Katzenmauer", noch ein steiler Stich, an dem mancher trotz der vielen motivierenden Zuschauer absteigen muss.

2016, zum 30. Jubiläum der Maratona, folgte der Giro d'Italia weitgehend ihrer Strecke, lediglich die ersten Kilometer sahen anders aus: Nach dem Start in Alpago (nahe Belluno) nahm das Giro-Feld einen längeren Anlauf (85 km mit 1.300 Hm), bevor ab Arabba (ohne die erste Überfahrt des Passo Campolongo) exakt die Maratona-Strecke befahren wurde, bis hin zum identischen Zielstrich in Corvara. Trotz einiger kleiner Kritikpunkte ist das Gesamtpaket der Maratona für mgf kaum noch zu übertreffen – dies ist der (nahezu) perfekte Granfondo!

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Der "König der Alpenpässe"

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Die Cima Coppi: Passo dello Stelvio (Westseite)

Von Westen: 2.758 m Meereshöhe, 21,3 km Anstieg, 1.560 Hm (ø 7,3%, max. 14,0%), Cyclingcols-Profil-Index 1190,
9x Cima Coppi 1965-2017

Wenn er dabei ist, bildet das Stilfserjoch als heute zweithöchster Alpenpass** immer die Cima Coppi des Giro. Erster Gewinner des Sonderpreises war Graziano Battistini, 1965 am Stelvio. Damals wurde die Westseite befahren. Laut cycling-passion.com wurde die 20. Etappe aufgrund einer Lawine angeblich auf 1.958 m Höhe beendet – aber das beruht auf einem Missverständnis, siehe Teil 2 dieses Granfondo-Albums. Das Etappenziel war ursprünglich in Sulden geplant, wurde jedoch wegen der verschneiten Abfahrt auf die Passhöhe des Stelvio vorverlegt. Erst kurz vor dem Ziel (nach den meisten Quellen 300 bis 400 Meter vorher) nötigte ein Lawinenabgang die Fahrer zu einem kurzen Fußmarsch.

Auch in späteren Jahren gab es immer wieder Probleme mit dem unberechenbaren Wetter, viermal musste der Stelvio kurzfristig vom Streckenplan gestrichen werden. Der Giro fuhr siebenmal von Osten (Prad) aufs Stilfserjoch, fünfmal von Westen (Bormio), davon je zweimal als Bergankunft.

2012 gab es bei der jüngsten Bergankunft von Westen ein spannendes Finale. Nach der Überquerung des Mortirolo lagen sechs Fahrer in Bormio noch vier Minuten vor der Maglia-rosa-Gruppe, darunter drei Fahrer aus den Top-13 der Gesamtwertung, die nacheinander attackierten: Thomas de Gendt (8.), Mikel Nieve (13.) und Damiano Cunego (10.). Joaquin Rodriguez‘ rosa Trikot war (noch) nicht in Gefahr, trotzdem kam Bewegung ins Gesamtklassement: De Gendt siegte auf der Cima Coppi, Cunego lag eine Minute zurück, Nieve fast drei, dann folgten die bisherigen Top drei. Jeder der drei Ausreißer war auf dieser Etappe um vier Gesamtränge nach vorne gerückt. Im Schlusszeitfahren verbesserte sich de Gendt noch auf Platz drei, Ryder Hesjedal entriss Rodriguez das rosa Trikot, mit nur 16 Sekunden Vorsprung!

Die letzte, spannende Giro-Etappe über den Stelvio kam 2017 ebenfalls von Westen, Mikel Landa überquerte die Cima Coppi als Erster einer Ausreißergruppe. Danach folgte eine Schleife über die Schweiz zurück nach Bormio. Am Umbrailpass lag Landa immer noch vorn, den Etappensieg schnappte ihm jedoch, nach einer beeindruckenden Demonstration seiner Abfahrtskunst, Vincenzo Nibali vor der Nase weg. Tom Dumoulin verlor zuerst auf dieser 16. Etappe durch einen "Boxenstop" vor dem Umbrail zwei Minuten, dann später auf der 19. Etappe nach Piancavallo durch Unachtsamkeit das rosa Trikot an Nairo Quintana – und holte es sich im finalen Zeitfahren wieder zurück, mit 31 Sekunden vor Quintana und 40 vor Nibali!

Mehr zur Geschichte des "Königs der Alpenpässe" siehe Granfondo-Album 2.

Mehr zur Ostseite folgt im Teil 2 dieses Granfondo-Albums.

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[Quelle: ©www.cyclingcols.com]

** Hinweis: Der höchste (als normale Straße ausgebaute) Alpenpass ist seit 1936 der 2.764 m hohe Col de l’Iseran. Die Cime de la Bonette (2.802 m) wird zwar oft als höchster "Pass" genannt, ist jedoch nur eine touristische Ringstraße ohne verkehrstechnische Bedeutung, sie beginnt und endet am Col de la Bonette (2.715 m), der nach dem Colle dell’Agnello (2.744 m) heute der vierthöchste Alpenpass ist.

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Der Granfondo: Granfondo Stelvio Santini

Meist am 1. Sonntag im Juni (nächste Ausgabe am 06.06.2021), 151 km, 4.058 Hm, mgf-Härtegrad 7,8 [Medio Fondo: 138 km, 3.053 Hm; Kurzstrecke: 60 km, 1.950 Hm],
Cima-Coppi-Punkte: 24.822

Diesen Granfondo gibt es erst seit 2012, dennoch gehört er zu den Top Ten in Italien und erscheint auch in vielen internationalen Ranglisten im einstelligen Bereich. Etwas Besonderes ist diese Veranstaltung durch die Bergankunft an der Cima Coppi und durch einen zweiten Pässe-Mythos: den gefürchteten Passo del Mortirolo!

Mehr Details zu dieser Veranstaltung siehe Granfondo-Album 2.

 

 

Dramen und Krimis am "Vizekönig"

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Die Cima Coppi: Passo di Gavia

2.621 m Meereshöhe, 39,0 km Anstieg, 1.997 Hm (ø 5,2%, max. 14,0%), Cyclingcols-Profil-Index ca. 1370,
6x Cima Coppi 1996-2010

Dieser Pass hat fast die Größe des benachbarten Stelvio – sowohl in seiner Höhe als auch in der Dimension der Legenden, die er produzierte. Wenn man die lange Anfahrt ab Edolo mitrechnet, kommen 2.000 Höhenmeter zusammen. Nachdem die Premiere des Stilfserjochs 1953 ein voller Erfolg gewesen war, suchte Renndirektor Vincenzo Torriani nach ähnlichen Herausforderungen und wurde ganz in der Nähe fündig: Der noch kaum ausgebaute, nicht asphaltierte, wilde Passo di Gavia versprach spannende, harte Rennen. Und einige der bisher zehn Passagen lösten das auch ein...

Bei der Premiere 1960 markierte der Gavia den höchsten Punkt des Giro, den Imerio Massignan als erster überquerte. Ausdauernder kalter Regen machte den Anstieg schwierig und die Abfahrt riskant, die Naturstraße ähnelte streckenweise einer schlammigen Cross-Piste. Massignan hatte zwei Reifenschäden, dadurch siegte Charly Gaul in Bormio. Der Gesamtzweite Gastone Nencini riskierte alles, um seine drei Minuten Rückstand in der Gesamtwertung doch noch aufzuholen, obwohl Jacques Anqetil auf der Passhöhe nur wenige Sekunden hinter ihm lag. Nencini flog bergab, Minuten schneller als der Rest und wäre fast erfolgreich gewesen: Anquetil rettete gerade noch 28 Sekunden und das rosa Trikot, Gaul wurde Dritter.

Die nächste Giro-Episode am Gavia, 1988, wurde zum viel beschriebenen Mythos. Die 120 km kurze 14. Etappe Chiesa Valmalenco - Bormio wurde trotz kalten, regnerischen Wetters gestartet, das sich am Gavia in Schnee verwandelte. Die Naturstraße (mit inzwischen asphaltierten Kehren) war gut befahrbar, aber die Kälte machte die Abfahrt zur Hölle: Johan Van der Velde war Erster auf der Passhöhe, musste mangels Kälteschutz jedoch die Abfahrt unterbrechen und sich in einem Auto aufwärmen, er verlor bis ins Ziel 47 Minuten. Erik Breukink und Andrew Hampsten hatten die übrigen Favoriten schon vor der Passhöhe abgeschüttelt und kamen dank Härte (Breukink) und Ausrüstung (Hampsten) gut den Berg runter. Der Holländer holte die Etappe, der Amerikaner das rosa Trikot, mit 15 Sekunden vor Breukink, beide behielten diese Positionen bis zum Ende des Giro.

Bob Roll schildert die Ereignisse in seinen Memoiren "Bobkes Welt" übertrieben dramatisch und in vielen Details falsch: Van der Velde fuhr nicht "einsam an der Spitze und trug virtuell bereits das Rosa Trikot", er hatte laut McGann auf der Passhöhe nur wenige Sekunden Vorsprung, in der Gesamtwertung lag er rund eine Stunde zurück. Und er konnte auch nicht "erst eine Stunde später" aus einem Auto gestiegen sein (siehe oben). Dass die "Schneedecke auf dem Schlammpfad" nicht immer dicker wurde, zeigen Bilder der Etappe, und es versanken auch keine "Räder immer tiefer im Morast" (siehe unten). 10 Kilometer vor der Passhöhe war Franco Chioccioli, noch in rosa, nicht "nur noch ein erbärmliches Häuflein Elend", er beendete die Etappe immerhin als siebter, mit 5 Minuten Rückstand. Weder "verbreitete sich die Nachricht... wie ein Lauffeuer" in Europa, noch klebten "die Augen eines ganzen Kontinents an den Fernsehapparaten" – vermutlich nicht mal in Italien. Breukink gewann nicht "eine Sekunde vor Andy", sondern sieben. Derartige Übertreibungen sind wohl typisch US-amerikanisch.

Hampsten selbst sieht die Sache – ziemlich unamerikanisch – viel nüchterner. In Colin O'Briens Buch "Giro d'Italia: The story of the worlds most beautiful bike race" erklärt er, dass er den Giro auf dieser Etappe nicht zufällig gewann, sondern aufgrund seiner Stärke und der gewissenhaften Vorbereitung seines (vermeintlich unerfahrenen) Teams. Die Straße beschreibt er als "wirklich gut" und "überhaupt nicht gefährlich". Nur die Kälte sei kritisch gewesen, trotz der Ski-Klamotten. Diese Etappe war sicher eine der härtesten Prüfungen im Radsport der Neuzeit – aber in früheren Zeiten gab es Schlimmeres, beim Giro z.B. 1956 oder 1962. Heute wäre eine Gavia-Etappe wie 1988 natürlich nicht mehr möglich, bei schlechtem Wetter (Würzjoch 2008) oder gefährlichen Strecken (Monte Crostis 2011) sorgen Fahrer und Teams dafür, dass sich ähnliches nicht wiederholen könnte.

1988 war der Gavia der höchste Punkt des Giro, aber weil erst nach der Etappe entschieden wurde, dass man wegen des anhaltenden Schneefalls nicht über den Stelvio fahren konnte, wurde er nicht als Cima Coppi gewertet. 1989 lag zuviel Schnee am Gavia, daher erscheint der Pass erstmals 1996 als Cima Coppi, auf der 21. Etappe: Erster war der Kolumbianer Hernán Buenahora, die Ausreißer wurden noch vor dem Passo del Mortirolo gestellt, in Aprica siegte Ivan Gotti vor Pavel Tonkov, der das rosa Trikot von Abraham Olano zurückeroberte.

Zuletzt war der Gavia 2010 die Cima Coppi, auf der 20. Etappe Bormio - Passo del Tonale, zum bisher einzigen Mal wurde der leichtere Nordaufstieg gefahren. Gilberto Simoni attackierte bei seinem letzten Giro kurz vor der Passhöhe aus einer Flucht-Gruppe heraus, nur Johann Tschopp konnte folgen und holte sich die Cima Coppi. Bis auf den Schweizer wurden alle Ausreißer zurückgeholt, er siegte mit 16 Sekunden vor Cadel Evans und 25 vor Ivan Basso, der seit dem Vortag das rosa Trikot trug und (nach seiner Doping-Sperre) seinen zweiten Giro gewann.

Auf der Passhöhe stehen Büsten von Fausto Coppi (der den Pass wohl nie befahren hat) und von Vincenzo Torriani, der über 40 Jahre Direktor des Giro d'Italia war, den Pass für die Rundfahrt entdeckte und damit ermöglichte, dass die Radsport-Geschichte um einige spannende Episoden bereichert wurde. [Nachtrag 11.06.20]

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[Quelle: ©www.cyclingcols.com, modifiziert]

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Der Granfondo: Gran Fondo Gavia & Mortirolo

Meist am letzten Sonntag im Juni (nächste Ausgabe wg. Corona am 06.09.2020), 170 km, 4.186 Hm, mgf-Härtegrad 8,4 [Mediofondo 150 km, 3.822 Hm],
Cima-Coppi-Punkte: 15.726

Offiziell heißt diese Veranstaltung "Gran Fondo Internazionale Gavia & Mortirolo", aber international sind alle großen Granfondos in Italien. Seit der Premiere 2005 gab es drei Namenswechsel, bis 2010 hieß die Veranstaltung noch "Granfondo Marco Pantani" und war der zweite zum Gedenken an den 2004 verstorbenen, legendären Kletterer (Die erste war "Nove Colli Marco Pantani", von 2005 bis 2008 führte der traditionsreiche aller Granfondos den berühmtesten Sohn des Start- und Zielorts Cesenatico im Namen).

Die Verbindung zu "il Pirata" lag nahe: Die Route führt über den majestätischen Passo Gavia, den brutalen Passo del Mortirolo und im Finale über den im Vergleich dazu gnädigen Passo Santa Cristina. Damit folgt die zweite Streckenhälfte exakt der 15. Etappe des Giro d'Italia 1994. Damals eroberte Pantani mit einem grandiosen Solo den zweiten Etappensieg in Folge, den zweiten Gesamtrang und die Herzen der italienischen Tifosi. Denselben Weg (ab Ponte di Legno) wie der Granfondo nahm der Giro auf der 21. Etappe 1999 – aber hier war Pantani wegen Madonna di Campiglio nicht dabei. Den Gavia befuhr Pantani mit dem Giro nur 2000, als "Edelhelfer" von Teamkollege und Giro-Sieger Stefano Garzelli.

Bis 2010 war das Design des Veranstaltungs-Trikots, das während des Granfondos getragen werden muss, noch jedes Jahr an eines der vom "Piraten" aus Cesenatico getragenen, berühmten Trikots (u.a. rosa, grün, gelb, gepunktet) angelehnt. Später, mit den Namenswechseln in "Gran Fondo Giordana "(2011-2014), “La Campionissimo” (2015-2016) und "Gran Fondo Gavia & Mortirolo" (seit 2017) wurde das Design neutraler. Heute erinnert nur noch die Streckenführung und das Denkmal, das man am Passo del Mortirolo in Kehre 11 passiert, an Pantani.

Wenn man nicht nur den mgf-Härtegrad betrachtet, sondern auch die absolute Höhe und die Steilheit des Mortirolo, dann steht dieser Granfondo fast auf einer Stufe mit dem Sportful Dolomiti Race. Obwohl die Veranstaltung einen Monat nach dem Giro stattfindet, musste sie schon einmal (2018) abgesagt werden, weil der Passo Gavia nicht passierbar war. Der Verein GS Alpi hat lange Erfahrung und organisiert eine ganze Reihe von Granfondos, der "Gavia & Mortirolo" ist ihr "Tappone" – ein epischer Ritt zu einem fairen Preis, der bisher noch nicht ausgebucht war. Ebenfalls positiv: Man muss erst bei der ersten Durchfahrt durch Aprica entscheiden, ob man sich die finale Zusatzschleife mit nur noch 20 km und 400 Hm antut. Ein kleines Manko: Gleich nach dem Start geht's bis Edolo erst einmal 15 km bergab, was bei nass-kaltem Wetter unangenehm wird.

 

 

Sackgasse vor Traumkulisse

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Die 1. Cima Coppi: Tre Cime di Lavaredo

2.320 m Meereshöhe, 34,0 km Anstieg, 1.582 Hm (ø 4,5%, max. 16,0%), Cyclingcols-Profil-Index 1295, 5x Cima Coppi 1967-2013

Bei der Premiere an den Drei Zinnen 1967 erfolgte die im Profil dargestellte lange Anfahrt von Auronzo di Cadore, ebenso wie 1968, und diese Route nutzte auch der nach 2018 leider eingestellte Granfondo 3epic. 1967 ließen sich fast alle Fahrer von Zuschauern schieben oder von Begleitfahrzeugen ziehen, was zur Annullierung der "Etappe des Ehrverlustes" führte. Felice Gimondi wurde dennoch als Sieger der 19. Etappe und der Cima Coppi gewertet, zwei Tage danach nahm er Jacques Anquetil das rosa Trikot ab und gewann seinen ersten Giro.

Schon im nächsten Jahr wurde Chaos durch Glorie abgelöst: Auf der 12. Etappe 1968 deklassierte der junge Eddy Merckx die Konkurrenz mit einer legendären Attacke, der nach seiner eigenen Einschätzung "besten Leistung seines Lebens in den Bergen". Noch 23 km vor dem Ziel lag Merckx' Gruppe fast zehn Minuten hinter der Spitze, bei km 15 ließ der Belgier alle Favoriten stehen, 500 Meter vor dem Rifugio Auronzo flog er am letzten Ausreißer vorbei. Der "Kannibale" ließ den anderen nichts übrig, er holte Etappensieg, Cima Coppi und rosa Trikot, das er nicht mehr abgab. Zudem gewann er die Berg- und die Punktewertung – dieser Dreifach-Triumph gelang nur Merckx! Der Belgier hätte auch das weiße Trikot für die U25-Wertung gewonnen, aber das kam erst 1976 (1. Sieger war Alfio Vandi).

Auch bei den nächsten beiden Giro-Besuchen waren die Drei Zinnen die Cima Coppi. 1974 wurde der Giro in den Bergen vom überragenden Kletterkünstler José Manuel Fuente dominiert, er gewann fünf Etappen, auch die 20. mit der Cima Coppi. Die Gesamtwertung hatte er nach zehn Tagen in rosa jedoch wegen eines Hungerasts auf der 14. Etappe an Eddy Merckx abgegeben. Zwar konnte Fuente sieben von zehn verlorenen Minuten wieder aufholen, aber am Ende reichte das nur für Rang vier. Merckx zeigte sich angreifbar und hatte das rosa Trikot an den Tre Cime virtuell schon an Gianbattista Baronchelli verloren, rettete jedoch mit einem Kraftakt noch 12 Sekunden seines Vorsprungs, bevor er am Folgetag seine letzte Giro-Etappe gewann. Die Drei Zinnen sind eindeutig die "Cima Merckx", dieser Ort schlägt die Brücke vom ersten Giro-Sieg 1968 zum letzten 1974. Fünf Giro-Siege gelangen vor Merckx nur Alfredo Binda und Fausto Coppi – und nach ihm keinem mehr!

1981 holte der Schweizer Beat Breu die Cima Coppi, das rosa Trikot übernahm der spätere Gesamtsieger Giovanni Battaglin. Vor ihm hatten acht Fahrer rosa getragen, darunter auf der vierten Etappe Gregor Braun, der "Bär von der Weinstraße".

2013 wurden die Drei Zinnen ungeplant zur Cima Coppi: Die über Gavia und Stelvio geplante 19. Etappe wurde zuerst entschärft, dann komplett gestrichen. Auch auf der 20. Etappe entfielen Karerpass, San Pellegrino und Giau. Nach einer souveränen Vorstellung siegte Vincenzo Nibali und zementierte damit seinen ersten Giro-Sieg. Wie 1968 herrschte am Rifugio Auronzo dichtes Schneetreiben – die Tre Cime liefern fast immer spektakuläre Bilder, auch wenn die Sonne mal nicht scheint.

Mehr Details zu diesem Anstieg siehe Granfondo-Album 2.

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[Quelle: ©www.cyclingcols.com]

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Die 2. Cima Coppi: Passo Valparola

2.200 m Meereshöhe, 17,1 km Anstieg, 993 Hm (ø 5,8%, max. 10,0%), Cyclingcols-Profil-Index 630, 1x Cima Coppi 1977

Mehr zu dieser (nicht ganz zweifelsfreien) Cima Coppi siehe oben.

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Der Granfondo: Haute Route Dolomites

Etappenrennen, Cortina d’Ampezzo, für 2020 abgesagt

1. Etappe mit Passo Valparola: 97 km, 3.300 Hm, mgf-Härtegrad 5,7
Cima-Coppi-Punkte: 2.200

2. Etappe mit Tre Cime di Lavaredo: 95 km, 3.300 Hm, mgf-Härtegrad 5,7
Cima-Coppi-Punkte: 11.600

3. Etappe mit Passo Valparola: 17,5 km, 1.000 Hm, mgf-Härtegrad 1,4
Cima-Coppi-Punkte: 2.200

Das am 12.-14.06.2020 geplante, recht exklusive Drei-Etappen-Rennen wurde für heuer abgesagt. Damit dürfte sicher sein, dass zumindest 2021 erneut die bereits im Granfondo-Album 2 beschriebene Route befahren wird.

 

 

Der Riese aus einer anderen Zeit

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Die 1. Cima Coppi: Colle delle Finestre

2.178 m Meereshöhe, 18,2 km Anstieg, 1.692 Hm (ø 9,3%, max. 14,2%), Cyclingcols-Profil-Index 1577, 2x Cima Coppi 2015-2018

Dieser Pass hat dasselbe Kaliber wie der Stelvio – und die letzten acht Kilometer sind dazu noch Naturstraße, mit Schotter-Faktor wächst der Finestre zum Gigant! Vom Giro wurde er im Zuge einer "Nostalgiewelle" erst 2005 entdeckt: In Erinnerung an die glorreichen Nachkriegsjahre von Coppi und Bartali suchten die Streckenplaner nach noch nicht asphaltierten Straßen – und fanden sie in der Toscana, am Kronplatz und am Colle delle Finestre. Diese Etappen lieferten spektakuläre Bilder und Rennen. Inzwischen ist der Trend der Naturstraßen sogar in Frankreich angekommen, u.a. bei Paris-Tours und Tour de France.

Die Entdeckung des Colle delle Finestre durch den Giro brachte für Hobbysportler den Vorteil, dass die Naturpiste aus Schotter und Lehm vor einer Giro-Durchfahrt jeweils frisch hergerichtet wird. Mit jedem Winter verschlechtert sie sich wieder, danach sollte man lieber ein Cross- oder Gravel-Rad nutzen. Die Naturstraße fordert zudem, auch frisch präpariert, etwas Konzentration für die Wahl der besten Fahrspur, insbesondere bei feuchter Piste.

Vom Giro wurde der Colle delle Finestre seit 2005 viermal befahren. Als Fahrtrichtung macht nur der Aufstieg von Norden Sinn, die kurze Abfahrt nach südwest ist asphaltiert. Danach wählte der Giro bisher immer den Weg nach Sestriere, dreimal lag in dem großen Ski-Ort das Etappenziel. Die Premiere 2005 lieferte der Finestre einen Thriller, aber, ebenso wie 2011, nicht die Cima Coppi. Obwohl der Bergpreissieger 2005, Danilo Di Luca, zu den "namhaftesten" Dopern der italienischen Radsportgeschichte zählt, wurden ihm nahe der Passhöhe gleich zwei Denkmäler gewidmet. [Nachtrag 11.06.20]

Dies war erst 2015 der Fall, damals gab es ein ähnliches Szenario wie 2005: Alberto Contador, der Träger des rosa Trikots, schwächelte am Finestre, als das Astana-Duo Fabio Aru und Mikel Landa wie erwartet attackierte. Landa holte sich die Cima Coppi, Aru den zweiten Etappensieg in Folge. Contador hatte auf der Passhöhe weniger Rückstand, jedoch mehr Zeitpolster als Savoldelli 2005, riskierte in der Abfahrt nichts, beendete die Etappe mit komfortablen zwei Minuten Vorsprung in der Gesamtwertung und sicherte sich den zweiten Giro-Sieg (nach Contadors Rechnung, incl. der nachträglichen Aberkennung 2011, war es der dritte).

Die Finestre-Etappe 2018 wird ebenfalls in Erinnerung bleiben – so oder so: Ein zappeliger Hungerhaken mit dubioser Vorgeschichte "machte den Landis", fuhr als erster über die Cima Coppi, gewann die Etappe und auch den Giro. Dass man einen Fahrer starten ließ, der die Vuelta 2017 mit einer Salbutamol-Dosis "gewann", die selbst schöngerechnet 43 % über dem Erlaubten lag und immer noch 20 % über dem 'Ermessensspielraum', ist eines der traurigsten Kapitel des Giro. Und dass die "Siege" danach nicht anulliert wurde, obwohl andere bei geringeren Werten gesperrt wurden, ist eines der traurigsten Kapitel des offensichtlich nur noch vom Geld regierten Radsports. Hoffentlich kann die nächste Finestre-Etappe die Erinnerung an diese traurigen Kapitel ein wenig verdrängen...

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[Quelle: ©www.cyclingcols.com]

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Die 2. Cima Coppi: Sestriere

2.039 m Meereshöhe, 11,3 km Anstieg, 694 Hm (ø 6,1%, max. 9,2%), 
Cyclingcols-Profil-Index 431, 1x Cima Coppi 2009

Mit nur knapp mehr als 2.000 Metern gehört Sestriere zu den drei niedrigsten Pässen, die je den Titel Cima Coppi trugen. Wie es dazu kam, ist ziemlich kurios: Ursprünglich war 2009 der Steckenverlauf der 10. Etappe Cuneo-Pinerolo, zur Feier des 100. Giro-Jubiläums, als Neuauflage von 1949 vorgesehen. Aufgrund eines Erdrutsches am Colle della Maddalena wurde das unmöglich, der Giro nahm eine ganz andere, harmlosere Route, durchs Valle di Susa, mit einer Schleife über Moncenísio. Damit wanderte die Cima Coppi vom Col d’Izoard (2.361 m) zum Blockhaus (2.064 m).

Kurz vor dem Start des Giro musste dann jedoch auch die 17. Etappe geändert werden, wegen zuviel Schnee am Blockhaus wurde das Ziel von 2.064 m auf den Passo Lanciano (1.631 m) vorverlegt. Damit war die Cima Coppi doch wieder auf der 10. Etappe – nun aber in Sestriere! Erster war dort mit wenigen Sekunden Vorsprung Franco Pellizotti. Die Etappe gewann der Träger des rosa Trikots, Danilo Di Luca, vor Pellizotti und Denis Menchov. Der Russe gewann am Ende in Rom den Giro, in einem dramatischen Einzelzeitfahren, die beiden Italiener wurde später wegen Dopings offiziell aus der Ergebnisliste gestrichen.

Profil und mehr Details zu diesem Pass siehe Granfondo-Album 2.

 

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Der Granfondo: Gran Fondo Sestriere Colle delle Finestre

An einem Sonntag Mitte Juli (nächste Ausgabe am 19.07.2020?), 122 km, 3.200 Hm, mgf-Härtegrad 6,4 [Mediofondo 97 km, 2.600 Hm],
Cima-Coppi-Punkte: 8.434

Dieser Granfondo ist neben der Maratona dles Dolomites der einzige, der mehr als einmal über eine Cima Coppi fährt – fair gezählt sind es drei: Nach dem Colle delle Finestre (1. Cima Coppi) folgt Sestriere von Osten (2. Cima Coppi), danach nochmals Sestriere von Westen (wie der Giro 2009, 3. Cima Coppi). Zwar rollt das Feld schon kurz nach dem Start ein weiteres Mal durch Sestriere, aber davor werden nur 200 Höhenmeter bewältigt.

Mehr Details zu dieser Veranstaltung siehe Granfondo-Album 2.

 

 

Coppi doppio

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Die Cima Coppi: Colle d’Esischie

2.366 m Meereshöhe, 33,4 km Anstieg, 1.783 Hm (ø 5,3%, max. 13,6%), Cyclingcols-Profil-Index ca. 1390,
1x Cima Coppi 2003

Dieser abgelegene, kaum frequentierte Pass im südöstlichen Piemont ist wie Dornröschen: wunderschön, verschlafen, der Zeit entrückt. Obwohl der Anstieg eine echte Herausforderung darstellt, hat sich der Giro nur selten hierher verirrt, der Colle d’Esischie wurde bisher nur zweimal befahren. 1999 führte die 14. Etappe über diesen Pass und den nahen, noch etwas höheren Colle Fauniera (2511 m). Auf der schwierigen Abfahrt stürzte sich "il Falcone" Paolo Savoldelli zum Etappensieg, Marco Pantani holte sich das rosa Trikot von Laurent Jalabert zurück.

2003 war der Colle d’Esischie die Cima Coppi, diesmal ging es gleich nach der Passhöhe bergab, durchs Vallone di Marmora. Den Bergpreis gewann Freddy González (Kolumbien), die 18. Etappe Dario Frigo. Kalter Regen und Schnee machten die schmalen Straßen gefährlich, in der Abfahrt vom folgenden Colle di Sampeyre stürzte Stefano Garzelli, Giro-Sieger 2000 und Zweiter 2003, dabei riss er auch seinen ehemaligen Kapitän Pantani zu Boden, der dadurch bei seinem letzten Giro aus den Top 10 fiel. Der Gesamtsieg des damaligen Dominators Gilberto Simoni geriet nie in Gefahr.

2001 stand der Pass ein weiteres Mal im Streckenplan des Giro, damals war der Colle Fauniera als Cima Coppi vorgesehen, der auch unter dem wenig charmanten Namen "Colle dei Morti" (Pass der Toten) bekannt ist. Die 18. Etappe fiel jedoch einem Fahrerprotest zum Opfer, als Folge der Doping-Razzia von Sanremo.

Dieser Pass ist ein Juwel: wenig befahren, landschaftlich top, mit einem Gefühl von "Ende der Welt", zudem sehr anspruchsvoll, besonders in der Abfahrt. Neben der windungsreichen, teils ausgesetzten, meist nur einspurigen Straße, auf der sich trotz des kaum vorhandenen Autoverkehrs eine vorausschauende Fahrweise empfiehlt, erfordern lange, schmale Brücken ohne Randsicherung und frei laufende Kühe besondere Aufmerksamkeit. Beim bisher einzigen Besuch von mgf lag die Nordseite im Bereich der Passhöhe leider in Wolken, aber das ist zum Glück nicht immer so. Auf der Passhöhe des Colle d’Esischie steht eine Sonnenuhr zur Erinnerung an Fausto Coppi ("Die Zeit vergeht, der Ruhm bleibt"). Am Colle Fauniera steht ein Monument zum Gedenken an Marco Pantani. [Nachtrag 11.06.20]

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[Quelle: ©www.cyclingcols.com, modifiziert]

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Der Granfondo: La Fausto Coppi

Meist am letzten Sonntag im Juni (nächste Ausgabe am 27.06.2021), 177 km, 4.125 Hm, mgf-Härtegrad 8,6 [Mediofondo 111 km, 2.550 Hm],
Cima-Coppi-Punkte: 2.366

Diesen Granfondo gibt es bereits seit 1988, aber erst seit 2003 führt er auch, dem großen Namen gemäß, über eine ehemalige Cima Coppi. Die andere Verbindung zum "Campionissimo" besteht schon seit der Premiere: La Fausto Coppi hat Start und Ziel in Cuneo, wie die legendäre 17. Etappe des Giro 1949, Cuneo-Pinerolo, die als Coppis Meisterstück in die Radsportgeschichte einging und dafür sorgte, dass italienische Radsportfans bei "Cuneo" fast automatisch an "Coppi" denken.

Die Strecke des Granfondos selbst hat jedoch mit der Giro-Route von 1949 nichts gemein. Statt einer epischen Tour über fünf Alpenpässe bietet La Fausto Coppi nur vier Anstiege, die den meisten relativ unbekannt sein dürften. Trotz einiger Roller- Passagen kommen auf 177 Kilometern jedoch über 4.000 Höhenmeter zusammen. Höhepunkt von Gran- und Mediofondo ist der Colle Fauniera mit dem vorgelagerten Colle d’Esischie, hier werden die bei weitem meisten Höhenmeter gemacht. Der traditionsreiche Granfondo hat nur begrenzte Startplätze und ist daher jedes Jahr schnell ausgebucht, auch wenn die Finisherzahlen (2019: 2.146) merkwürdig weit vom Teilnehmerlimit entfernt sind. Letzteres lag 2019 bei nur 2.800 Startern – was jedoch angesichts der schmalen Straßen Sinn macht.

Die Unterschiede in der Streckenführung von Granfondo und Mediofondo liegen vor der Cima Coppi, weshalb die Entscheidung der Routenwahl schon vor dem Start fällig ist. Eine weitere Besonderheit: alle Teilnehmer müssen das offizielle Trikot der Veranstaltung tragen, das über lange Jahre immer ein Protrait Coppis zeigte, heute aber relativ neutral daherkommt.

Eine Verbindung zwischen La Fausto Coppi und der Etappe Cuneo-Pinerolo 1949 gab es dann doch noch: 2009, zum 60. Jubiläum der Etappe bot der Veranstalter des Granfondos, die ASD Fausto Coppi, eine "La Fausto Coppi Epica" an. Weil damals die Originalstrecke blockiert war, führte der 300 km lange "Selbsterfahrungstrip", auf dem Lizenz-Radsportler Coppis Glanzleistung im Sattel nachempfinden konnten, 2019 "nur" über vier Pässe, der Colle dell'Agnello ersetzte damals Colle della Maddalena und Col de Vars. Zum 70. Jubiläum gab es leider keine "La Fausto Coppi Epica" mehr, obwohl die Originalstrecke jetzt wieder vollständig befahrbar ist.

Weil der Weg nach Cuneo etwas weiter ist, sollte man über einen längere Aufenthalt nachdenken – der sportlich abwechslungsreich gestaltet werden kann: Zu Colle della Tenda und Colle della Lombarde ist es nicht weit, und es gibt eine ganze Reihe von Seitentälern mit ruhigen Anstiegen, etwa zur mehrfache Giro-Bergankunft Prato Nevoso. Und auf dem Hin- oder Rückweg könnte man einen Besuch im "Museo della Bicicletta" in Bra integrieren.

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An dieser Stelle erfolgt ein Schnitt. In Teil 2 dieses Granfondo-Albums werden noch nachgereicht...

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Weitere Cima-Coppi-Anstiege:

Passo dello Stelvio (Ostseite)

Passo Manghen

Passo Valles

Großglockner (Hochtor)

Col d’Izoard

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Weitere Cima-Coppi-Granfondos und -Rad-Veranstaltungen:

Sportful Dolomiti Race

Marcialonga Cycling Craft

Dreiländer-Giro

Glocknerman

Risoul Queyras

Re Stelvio Mapei

Radrennen Prad–Stilfserjoch

Glocknerkönig

Glockner Bike Challenge

Tour d’Ortles

La Dolomitics

 

 

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Hinweise:

Die Originale der Höhenprofile und weitere Infos, auch zu Varianten, sind auf www.cyclingcols.com (Prädikat: "besonders wertvoll") zu finden. Herzlichen Dank an Michiel van Lonkhuyzen für die freundliche Erlaubnis zur Verwendung!

 

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Bei dem für die Granfondos angegebenen mgf-Härtegrad erhält eine virtuelle Referenzstrecke mit 200 km und 5.000 Höhenmetern den Härtegrad 10. Flache 200 km erhalten, ebenso wie 100 km mit 2.500 Hm, den Härtegrad 5.

 

 

 

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