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"Die Regeln": Wer braucht 'nen Kodex? (07.10.19)

Vor eineinhalb Jahren erschien das Buch "Die Regeln: Kodex für Radsportjünger" – laut Verlag "der Knigge für Rennradfahrer" und "unverzichtbarer Leitfaden in der Ausrüstung jedes ernsthaften Rennradfahrers." Dieses Buch ist die "Bibel der Velominati", deren Ziel es ist, "das bedeutende kulturelle Erbe des Straßenradsports zu feiern und zu wahren, samt dem steten Streben nach sportlicher Höchstleistung im Sattel und absoluter Eleganz im Auftreten." Das Ziel – Traditionspflege und 'bella figura' machen – hört sich sehr italienisch an...

 

Das www treibt mitunter seltsame Blüten. Die "Velominati" wurden erst 2009 als "internationales Kollektiv begeisterter Rennradfahrer und Radsportliebhaber" gegründet. Ihre Website velominati.com zählt angeblich "seit Jahren zu den populärsten und am schnellsten wachsenden Radsport-Portalen im Internet."

Auf der englischsprachigen Website dreht sich alles um die "Regeln". Seit Mai 2018 liegen diese nun auch in deutscher Sprache vor, als Buch, mit ausführlichen Kommentaren (Covadonga Verlag, Taschenbuch 14,80 Euro). Das Buch hat das Ziel, den "Leser in die Etikette und geheimen Rituale des Radsports einzuweihen und die frohe Botschaft zu verkünden, was guten Stil beim Rennradfahren ausmacht."

Stil und Eleganz, Etikette und 'bella figura' haben in Italien und bei italienischen Radsportlern einen hohen Stellenwert – vermutlich einen höheren als in irgendeinem anderen Land. Können "Die Regeln" als Leitlinien fürs Radfahren in Italien oder die Teilnahme an einem italienischen Granfondo dienen und den auf mondogranfondo.de geplanten 'Granfondo-Knigge' ersetzen?

 

Tatsächlich enhält der "Kodex" ein gutes Dutzend Regeln, die auch mgf rückhaltlos unterschreiben kann: die Regeln #19 ("Stell dich vor"), #38, #39, #43 ("Führ dich nicht wie ein Idiot auf"), #53, #55, #58 ("Unterstütze deinen Radladen vor Ort" [sofern er das hat, was Du brauchst]), #59 ("Halte die Linie"), #62, #63, #65, #67 ("Erledige deinen Teil der Arbeit im Wind"), #71, #75, #77, #83 und #88 sind grundsätzlich sinnvoll – aber fast alle auch irgendwie selbstverständlich. Dagegen fehlen wichtige Regeln für das Fahren in der Gruppe, z.B. die international ähnlichen Handzeichen.

Darüber hinaus geht es bei den meisten der 95 Regeln nur um Fragen von Stil und Optik, bei denen man (wie die Mehrheit der Rennradler auf der Straße, auch in Italien, zeigt) durchaus anderer Meinung sein kann. Der größte Teil der Regeln schießt daher für mgf über das Ziel hinaus.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Wer diese Regeln befolgt, macht (meist) nichts grundsätzlich falsch. Und Generationen von Rennradfahrern haben sich bisher schon an viele Regeln gehalten – weil sie nicht von den Velominati erfunden wurden, sondern schon seit Jahrzehnten immer irgendwie da waren.

Die Velominati haben diese Regeln jetzt nur gesammelt, ausformuliert, erweitert – aber auch zu Dogmen erklärt, gegen die es (gemäß Regel #1, #2 und #3) keinen Widerspruch gibt. Und darin liegt der Fehler. Denn "Die Regeln" sind ganz sicher nicht für alle Radsportler der einzige, effizienteste, praxistauglichste und beste Weg, Rennrad zu fahren – siehe Beispiele für Fehler ganz unten.

Die sklavische Befolgung mancher Regeln kann sogar gefährlich werden. So fordert Regel #93 ("Abfahrten dienen nicht der Erholung"), bergab mit vollem Einsatz zu fahren – und zwar immer, nicht nur im Rennen, sondern auch bei normalen Touren, im öffentlichen Straßenverkehr. Jeder, der auf dem Rad noch etwas Sauerstoff fürs Hirn übrig gelassen hat, wird spätestens hier erkennen, dass manche Regel totaler Schwachsinn ist.

Statt ohne Rücksicht auf Risiko, Kosten und Nutzen Profis nachzuäffen, die sich in einer ganz anderen Situation befinden, sollte sich ein Hobby-Radsportler (der nicht im Verein für echte Lizenz-Rennen trainiert) lieber verhalten wie ein Profi. Also die für seine individuelle Situation sinnvollste und sicherste Lösung suchen und seine Ausrüstung nach Abwägung von Kosten und Nutzen auswählen, nicht nach dogmatischen Regeln.

 

Unsere Welt ist (wenigstens noch auf dem alten Kontinent, zum Glück) bunt und frei und sie sollte es bleiben. Ein freier Mensch macht sich selber schlau, hört zu, denkt nach, erinnert sich an irgendwann einmal erlernte Gesetze der Physik, bildet sich eine eigene Meinung und entscheidet selbst, was sinnvoll ist und was nicht. Innovation kam nie von denen, die sagten "das haben wir (und Eddy Merckx) schon immer so gemacht" und nie von Dogmatikern, die in Kleidung und Verhalten uniformiert auftreten, die Welt nur in schwarz-weiß (und rot) sehen und neben ihrer Meinung keine andere gelten lassen.

Aber Erfolg hat auch viel mit Glauben zu tun. Wer glaubt, eine Trinkblase im Rucksack macht ihn schneller, sollte das ausprobieren – und stellt vielleicht fest, dass seine Einschätzung stimmt! Wer glaubt, immer den dicken Gang auf dem großen Blatt drücken ist besser als mit leichteren Übersetungen kurbeln, soll das ruhig so machen – und auf die harte Tour rausfinden, dass die Trainings-Experten doch Recht haben. Aber wie jeder das Recht hat, seinen eigenen Weg zu gehen, sollte er auch andere ihren eigenen Weg gehen lassen – anstatt Dogmen zu verbreiten, Eddy Merckx (wurde der überhaupt gefragt?) als "Propheten" zu missbrauchen und sich selber als etwas Besseres, Elitäres, zu betrachten.

Auf dem Buchrücken behaupten die Velominati: "Wir sind Radsportler, der Rest der Welt fährt einfach bloß Rad." Einspruch: Wir alle, die wir Rennrad (oder Gravelbike, MTB oder etwas anderes...) fahren, ohne das Ziel, nur von A nach B zu kommen, tun das mehr oder weniger sportlich. Es gibt keine klare Grenze zwischen Radsportlern und Nicht-Radsportlern – nur zwischen Radfahrern und Nicht-Radfahrern. Zudem ist echte Passion für diesen wundervollen Sport, die man nicht an Äußerlichkeiten festmachen kann, nach Überzeugung von mgf viel mehr wert als eher vergängliche Größen wie Kondition und Solvenz!

 

Einer von vielen Fauxpas', den sich die Velominati leisten: Auf ihrer Website beanstanden sie diverse Regelverstöße auf dem Titelbild des Buchs von Paul Fournel (englische Ausgabe). Erstens stammt das Bild aus einer freieren Zeit, in der die Welt noch nicht durch www-Fanatiker in schwarz und weiß geteilt und reglementiert wurde. Zweitens haben die Fahrer auf dem Bild vermutlich die damals gültigen französischen Regeln beachtet. Genausogut könnten die Velominati beanstanden, dass Fausto Coppi auf der legendären Giro-Etappe Cuneo-Pinerolo 1949 einen Ersatzreifen unter den Sattel geschnallt hatte...

Paul Fournel ist ein Vertreter der historisch gewachsenen Tradition aus einem Mutterland des Radsports, der seine Passion auf überzeugende Art lebt. Die selbsternannten "Regel-Hüter" stehen für Nationen ohne große Radsport-Tradition, die erst später auf einen fahrenden Zug aufsprangen. Nun meinen sie offenbar, als einzige den 'Stein der Weisen' gefunden zu haben und den älteren Nationen Vorschriften machen zu müssen.

"Die Regeln" fördern Kastendenken und elitäres Gehabe. Von der vom Verlag versprochenen "unvergleichlich trockenen Mischung aus echter Passion für den Radsport, enormem Fachwissen, großer Klappe und viel Sinn für Humor" kommt – bis auf die große Klappe – nicht viel rüber. Im Gegensatz dazu ist Paul Fournels Buch ein Juwel der Sportliteratur, das echte Liebe für den Radsport erkennen lässt.

 

Fazit:
Investiert euer Büchergeld lieber in Fournel statt in
"Die Regeln"!
So ein "Kodex" ist überflüssig und als "Knigge" ungeeignet.

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Eine typische Szene an jedem Sonntag in Italien: Eine 'gruppo sportivo' sammelt sich zur Ausfahrt, in diesem Fall auf der Piazza Brà in Verona, vor der berühmten Arena. Alle Radler machen auf den ersten Blick eine perfekte 'bella figura' – aber die strengen Regelhüter der Velominati würden dennoch Verstöße gegen mindestens zwölf ihrer 95 Regeln zählen! [Bild: Charly_7777, pixabay.com]

 

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Bei genauem Hinsehen missachtet jeder Fahrer mindestens zwei Regeln. Alle fünf verstoßen mit ihren blauen Hosen gegen Regel #14. Zudem tragen alle Armlinge, vier eine Weste, einer sogar Knielinge, obwohl bei dem fast blauen Himmel "nasse Straßen, Schlamm, Wind und Schnee", die diesen 'Kampfanzug' rechtfertigen würden (#21), nicht zu erwarten sind. Und fast scheint es so, als ob der Fahrer mit den schwarzen Socken nicht mal seine Beine rasiert hätte (#33)!

Wehe, wenn diese Jungs sich nachher bei der Ausfahrt nicht völlig verausgaben, die "V" geben und das Weiße aus den Augen fahren – sonst sind sie für die Velominati keine Radsportler, sie "fahren bloß Rad"...

Spaß beiseite: Vermutlich würden die fünf Cicloamatori jeden, der anzweifelt, sie wären ernsthafte Radsportler, brutal aus den Schuhen oder in den Graben fahren. Und dabei Tricks auspacken, bei denen sogar die "Keepers of the Cog" ihre selbst verordnete "sorgsame Nonchalance" (Regel #80) verlieren würden!

Die traditionsreichen Radsport-Nationen liefern bessere Vorbilder als der anglo-amerikanische Raum, dessen Möchtegern-Profis erst seit ein paar Jahren die großen Granfondos überschwemmen und dabei oft den Respekt vor dem 'alten' Europa, seinen Bewohnern, Sitten und Traditionen vermissen lassen. Und jetzt meinen auch noch ein paar (selbst) 'Erleuchtete', sie müssten den 'alten' Europäern erklären, wie man Rennrad fährt. Vermutlich wurde das Buch bisher nicht ohne Grund nur ins Deutsche und ins Niederländische übersetzt. Bei Französisch und Italienisch rechnet man offenbar mit nur geringen Verkaufszahlen...

 

 

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Zum Schluss für alle an mehr Details Interessierten noch eine Fülle von Beispielen für Widersprüche und Fehler, die in dem Buch zu finden sind...

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Regel #21 ("Schlechtwetterkleidung ist für schlechtes Wetter", S. 193): Alles, was über 'kurz-kurz' hinausgeht, wird hier zum 'Kampfanzug' hochstilisiert: "Wenn du das tust [mit Weste, Arm- und Knielingen fahren], solltest du ernsthaft tiefgrauen Himmel, nasse Straßen und vielleicht etwas Schlamm, Wind und Schnee erwarten." Einspruch: Auch die Profis fahren schon in dieser Montur, wenn es nur ein bisschen kalt ist.

 

Regel #28 (S. 204): "Socken können jede verdammte Farbe haben, die dir gefällt... Und mit jeder Farbe meinen wir weiß."

Tatsächlich fährt heute nicht mal mehr die Hälfte des Profi-Pelotons mit weißen Socken – und wenn, dann haben diese meist wenigstens einen farbigen Abschluss-Streifen. Wieso sollte man es bei einer langen Ausfahrt oder einem langen Radmarathon anders machen? Einzige Ausnahme bildet für mgf L'Eroica – weil bei dieser historischen Veranstaltung zeitgenössische Kleidung ein Teil des Spektakels ist, und obwohl die Socken nach dem Ritt über schlammige 'Strade bianche' nicht mehr 'biancho', sondern nur noch zum wegschmeißen sind.

Als einer der vielen Widersprüche in dem Buch wird Regel #28 durch die Regelhüter selbst gebrochen, mit der Erklärung zu Regel #8 (S. 129): "Schwarz... ist auch im Radsport eine einfache, naheliegende Lösung für jede garderobentechnische Frage... Oberteil, Hose, Schuhe und Socken sehen alle gut aus, wenn sie die gleiche Farbe haben. Und schwarz ist die einfachste Farbe..."

 

Regel #29 (S. 133): "Keine rückwärtig baumelnden Gepäckfächer unterm Hintern."
Regel #30 (S. 135): "Keine rahmenmontierten Pumpen."
Regel #31 (S. 206): "Ersatzschlauch, Multi-Tool und Flickzeug gehören in die Trikottasche."

Zu einer Zeit, als Profis noch nicht vom Begleitfahrzeug aus rundumversorgt wurden und Defekte selbst beheben mussten, schnallten sich die Profis ihre Ersatzreifen unter den Sattel und ihre Pumpe montierten sie selbstverständlich am Rahmen. Wenn es damals bereits kompakte Pumpen gegeben hätte, wären diese ebenfalls am Rahmen montiert worden – so wie es die Profis in den 50er Jahren mit Druckluft-Kartuschen (jawohl, sowas gab es damals schon!) machten. Wer sich nur ein klein wenig mit der Geschichte des Radsports beschäftigt, stellt fest, dass auf Fotos bis Ende der 50er Jahre fast jedes Rad einen Ersatzreifen am Sattel hat. Selbst die von vielen Helfern umsorgten Kapitäne machen hier keine Ausnahme.

In den 60ern verschwanden die Utensilien vom Rad. Aber nur bei den Profis, weil damals Hilfeleistung von außerhalb zugelassen wurde und seither im Defekt-Fall nach wenigen Sekunden ein Mechaniker aus einem Auto springt und ein Ersatz-Laufrad montiert. Diesen Luxus genießen Hobbyfahrer wohl nur äußerst selten. Im Übrigen fahren manche Profis, wenn sie kein Teamfahrzeug absichert, auch heute noch mit Satteltasche – so zu sehen bei der Rad-WM in Innsbruck 2018!

Wahrscheinlich finden es die Velominati cooler, wie die Profis bei der Tour de France rumzufahren, mit einem 'Stecken im A....'? Eine kleinere Satteltasche sieht viel weniger bescheuert aus als der professionelle GPS-Transponder der ASO. Dagegen hat der dezente Transponder des Giro d'Italia fast die Optik einer Satteltasche!

Und wieso sollte man kantige, schwere Teile wie Werkzeug und Pumpe in der Trikottasche transportieren, wo sie bei einem Sturz schlimmstenfalls schwere Wirbelsäulenschäden verursachen können? Wieso diese Teile nicht da unterbringen, wo sie sicher aufgeräumt sind, nicht belasten und den Schwerpunkt des Rad-Fahrer-Systems absenken? Nur um sich im Aussehen dem Profi ein bisschen anzunähern? Aber ein Profi hat nie Werkzeug in der Trikottasche! Dass nicht alle Velominati so blöd sind, enthüllt das Bild auf Seite 158 (zu Regel #65): Da ist eine Pumpe am Flaschenhalter zu sehen, am Rad von "Marko", bei dem es sich offenbar um den vierten der fünf im Anhang genannten "Keepers of the Cog" handelt, den selbsternannten 'Gralshütern und Hohepriestern der Erleuchteten'.

 

Regel #32 (S. 207) fordert: "Höcker sind für Kamele: keine Trinkrucksäcke. Trinkrucksäcke sollten niemals am Körper eines Straßenradsportlers zu sehen sein. In dieser Frage gibt es kein Wenn und Aber." Im Kommentar wird ein Trinkrucksack als "gefährliche Praxis" bezeichnet – vermutlich, weil sein Träger sich der Gefahr aussetzt, dass ein "Regel-Hüter" handgreiflich wird? Wenn sich jemand in einem großen Feld mit unbekannten Mitfahrern beim Griff zur Trinkflasche unsicher fühlt, kann ein Trinkrucksack eine sichere Alternative sein. Jedenfalls gefährdet ein Fahrer mit Trinkrucksack seine Mitfahrer nicht durch verlorene Bidons, die zuhauf bei jedem Granfondo über die Straße kullern.

Zudem wurde jüngst wissenschaftlich belegt, dass ein Trinkrucksack (wie auch mancher andere Rucksack) gegenüber vollgestopften Trikot-Taschen aerodynamisch günstiger sein und bei 45 km/h bis zu 30 Watt Leistung sparen kann (Magazin RennRad 10/2019, Bericht "Lastenträger", S. 74 ff.). Zumindest bei Granfondos mit flachem Profil macht der richtige Rucksack definitiv schneller. Bei Straßenrennen sind "unnötige Gegenstände, die den Luftwiderstand verringern sollen," zwar per Reglement verboten – aber ein Trinkrucksack dürfte da nicht drunter fallen? Oder fahren die Profis vielleicht bald mit einem größeren Funkgerät, um ihren schon vorhandenen Höcker zu vergrößern? Wird Regel #32 dann revidiert?

 

Regel #44 ("Die Position ist wichtig", S. 219) offenbart Wissenslücken im Bereich der Anatomie: "Unsere Oberkörper sind... die schwersten Brocken unseres Körpers." Einspruch: Der Schwerpunkt des Menschen liegt auf Höhe der Hüfte, sonst könnte der Zweibeiner gar nicht richtig laufen! Die schwersten Brocken eines austrainierten Radsportler-Körpers sind die Beine (vor allem die Oberschenkel), nicht der Oberkörper mit dem (hoffentlich großen) Hohlraum der Lunge.

 

Regel #46 (S. 222) schreibt vor: "Lenker waagerecht. Der Lenkerbügel ist so zu montieren, dass er parallel zum Boden verläuft oder höchstens unmerklich nach oben weist... Erlaubt ist ein Winkel von 180 bis 175 Grad im Bezug zum ebenen Untergrund." Gegen diese Regel verstößt, mit einem Lenkerwinkel von fast 160 Grad, ausgerechnet Velominati-Gründer Frank Strack! Kaum anzunehmen, dass sich der Lenker seines auf Seite 125 abgebildeten Rads auf dem Pflaster von Roubaix nach oben verdreht hat – ebenso wie sich der Schnellspanner am Hinterrad nicht von alleine in eine gegen Regel #41 verstoßende Position bewegt haben wird...

 

Regel #47 (S. 55): "Trink Triple - aber lass die Finger von Dreifach-Kurbeln... Wir trinken, um zu feiern, dass wir einmal mehr das Terrain und den Schmerz bezwungen haben. Und natürlich auch all die Jammerlappen mit ihren Kompakt- oder – schlimmer noch – Dreifach-Kurbeln, die... ihre mickrigen Gänge treten."

Selbst Profis sind an extremen Bergen mit Kompakt unterwegs, sind diese Männer Memmen? Und noch 20 Jahre früher, als es Kompakt noch nicht gab, nutzten Profis am Mortirolo auch schon Dreifach. Wieso sollte ein Hobby-Fahrer, der weniger als 50% der Profi-Leistung bringt, nicht wenigstens eine 13% (bei Kompakt) oder 23% (bei Dreifach) leichtere Übersetzung wählen? Fakt ist: Mit Dreifach (oder 'Super-Kompakt') kann man bei Granfondos an steilen Rampen – etwa am Fedaia, Mortirolo oder der Muro di Sormano – leistungsstärkere Fahrer stehen lassen, selbst wenn diese Kompakt montiert haben.

Dort muss mancher ohne Dreifach (oder 'Super-Kompakt') schieben – und damit gegen Regel #69 verstoßen: "Radschuhe und Räder sind dafür da, um zu fahren... Für einen Radsportler ist es unter jedweden Umständen streng verboten, an einem steilen Anstieg abzusteigen und sein Rad hinaufzuschieben." Einspruch: manchmal schieben selbst Profis, sollen die stattdessen das Rennen oder gar die Rundfahrt beenden? Wieso die Grundlagen der Physik ignorieren, dem Übersetzungs-Dogma der Regel #47 folgen und Leistung herschenken? Nur um sagen zu können: Ich hab denselben dicken Gang getreten wie Eddy Merckx vor 50 Jahren! – aber zehnmal mehr gelitten als er und meine Knie' ruiniert!? Wie blöd ist das denn?

 

Regel #52 ("Mäßige dich beim Trinken", S. 258) fordert: "keine übergroßen, hässlichen Bidons", denn "selbst während der längsten Touren auf den entlegensten Straßen wird es reichlich Gelegenheit geben wird, die Trinkflaschen an Wasserhähnen am Straßenrand nachzufüllen: an einer Tankstelle, an einer öffentlichen Toilette oder sogar im Vorgarten eines Wohnhauses." Einspruch: Auch im dicht besiedelten Europa (z.B. im Veneto) kann es vorkommen, dass ein Liter an heißen Tagen nicht bis zum nächsten Brunnen reicht. Und selbst im heimischen Rad-Revier muss mgf im Hochsommer die Route genau planen, damit es zur nächsten Nachfüllstation reicht, Brunnen mit Trinkwasser sind hier selten, Nachfüllen in der Wirtschaft ist umständlich und zeitaufwendig.

Auch bei langen Rennen kann ein großer Tank hilfreich sein, um sich ohne Stopp in einer schnellen Gruppe zu halten. Ist einer, der sich zwei "Monströsitäten" in die Flaschenhalter steckt, um 160 km mit einem 41er Schnitt zu fahren (Magazin TOUR 10/2019, Bericht "Projekt 40", Seite 94 ff.), deshalb kein Radsportler mehr?

Regel #52 fordert außerdem: "Die... einzelne Trinkflasche wäre dann in den vorderen Halter am Unterrohr zu hängen." mgf macht es meist genau anders rum, weil sich die Flasche im hinteren Halter besser (sicherer, blind und mit weniger Verrenkungen) greifen und zurückstecken lässt. Auf den Luftwiderstand, der im vorderen Halter vermutlich ein paar Zehntel-Watt geringer ausfällt, kommt es nur beim Profi an. Wobei mit Flasche im hinteren Halter die (bei mgf selbstverständlich am Rahmen montierte) Pumpe im Windschatten liegt, weshalb die Aerodynamik wohl auf ähnlichem Niveau sein dürfte.

 

Regel #57 ("Aufkleber stinken", S. 149). Einspruch: Abgesehen davon, dass das als Vorbild dienende Profi-Rad mehr Aufkleber trägt als das Rad eines Hobbyfahrers, gehören in Europa individuelle Aufkleber mit Fahrername, Verein, Komponenten-Hersteller oder Radhändler zur gewachsenen Radsport-Tradition. Und wer Aufkleber von Pässen auf dem Oberrohr spazierenfährt, wird (ebenso wie mit einer Plakette der Madonna del Ghisallo) im 'alten Radsport-Europa' nicht schief angeschaut. Im englischen Sprachraum mag das anders sein, aber wen juckt das in Kontinental-Europa? Im übrigen wird Regel #57 im Bild zu Regel #65 (Seite 158) gleich wieder gebrochen: Zwar "interessiert es niemanden einen feuchten Kehrricht, wen oder was du unterstützt", dennoch fühlt sich "Marko" (wohl der vierte "Keeper of the Cog") berufen, der Welt mitzuteilen, dass er Kunde des kommerziellen Reise-Veranstalters "Pave Cycling Classics" ist!

 

Regel #71 ("Trainier vernünftig", S. 263) ist tatsächlich ein vernünftiger Ratschlag, wird jedoch ad absurdum geführt, wenn andere Regeln fordern, bei jeder Ausfahrt ständig alles zu geben (z.B. #10, #20, #79, #90, #93).

 

Regel #81 (S. 64) empfiehlt: "Halte den Ball flach. Wenn du eine Tour nachbereiten möchtest, spar dir das Gerede..." – und wird kurz darauf in der Erklärung von Regel #93 (S. 70) gebrochen: "Je härter die Tour war, umso mehr Bier und Fabulieren sind anschließend erforderlich, um alles zu verdauen und die Großartigkeit des soeben Erlebten - mit immer größerer Detailversessenheit - zu erklären". Das klingt nach einem nichtendenwollenden Redeschwall...

 

Regel #85 ("Fahr ab wie ein Profi", S. 114) verdreht die Gesetze der Physik: "Die Quintessenz [eines Vortrags der "Physik-Koryphäe bei dir vor Ort"] lautet: Wenn ein Rad in einer Kurve geneigt und seine Bremsen kräftig betätigt werden, richtet es sich auf und fährt geradeaus. Das ist nicht gut. Man gerät in eine Art Teufelskreis..." Einspruch: Vom Kamm'schen Kreis hat der Autor anscheinend nie gehört und in einer Kurve war er offenbar auch noch nie am Limit. Sonst wüsste er, dass beim Bremsen in der Kurve das Vorderrad wegrutscht und er sich auf die Fresse legt, statt geradeaus zu fahren – weil die vom Reifen übertragbare Vektorsumme aus Brems- und Seitenführungskräften begrenzt ist. Im Gegensatz zur "Physik-Koryphäe" aus den USA weiß das in Europa jeder Physikstudent!

 

Regel #89 (S. 65) empfiehlt: "Sprich die Dinge richtig aus." Ja, aber dann schreib' sie erst mal richtig! Der wohl beste Abfahrer seiner Generation (und Giro-Sieger 2002 sowie 2005) heißt nicht Paolo "Salvodelli" (S. 69), sondern Savoldelli.

 

Regel #90 (S. 268) fordert: "Bleib auf dem großen Blatt. Wenn es steiler wird, bring einfach mehr Druck auf die Pedale." Was soll man dazu noch sagen? Bloß: völliger Schwachsinn! Siehe Kommentar zu Regel #47.

 

 

 

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